„Gio“ Hahn über Mogelpackungen, Orchideenfächer und ÖH-Wahlbeteiligung
Johannes Hahn hat ein schweres Erbe angetreten: Seine Vorgängerin Elisabeth Gehrer war den Studierenden ein regelrechtes Feindbild. Als Verwalter der umstrittenen neuen Studiengebührenregelung hat er zudem einen schwierigen Einstand in sein neues Amt. Gut für ihn, dass er Beliebtheit nicht als politische Kategorie sieht.
Werbung
Hahn: „Wurschtigkeit ist kein gutes Zeichen“
CHiLLi: Herr Minister, warum muss ich bei einer Vorlesung auf dem Boden sitzen, obwohl ich Studiengebühren bezahlt habe?
Johannes Hahn: Weil es einige Fächer mit großem Andrang gibt. Wir haben in den letzten sechs oder sieben Jahren eine Zunahme von dreißig Prozent der Studierenden. Logischerweise können Personal und die Infrastruktur nicht in dem Tempo mitwachsen. Es ist aber mein erklärtes Ziel, die Studieninformation an den Schulen zu verbessern, damit nicht nur die Modefächer gewählt werden. Es hat außerdem durch die Einführung der Studiengebühren an den Universitäten eine viel stärkere Kundenorientierung Platz gegriffen. Das hängt schon mit dem moralischen Druck der Studiengebühren zusammen. In der Grundhaltung hat sich etwas geändert.
CHiLLi: Trotzdem: Seit Einführung der Studiengebühren hat sich die Situation nicht verbessert – obwohl es die Studiengebühren schon fast sechs Jahre gibt.
Johannes Hahn: Dieses subjektive Gefühl verstehe und respektiere ich. Die Studiengebühren haben aber auch dazu beigetragen, dass sich jene von der Uni verabschiedet haben, die nicht wirklich studiert haben. Es wird auch schneller studiert. Man muss sich ausmalen, wie dramatisch die Situation jetzt wäre, wenn wir diese Steuerungsmaßnahme nicht eingeführt hätten.
CHiLLi: Ihr Ziel ist also eine Verteilung der Studierenden auf andere, möglicherweise nicht so populäre Fächer, um die Massenstudien zu entlasten?
Johannes Hahn: Ich denke, dass an den höheren Schulen nicht das breite Wissen da ist, welche Möglichkeiten es gibt. Ich habe in den letzten Wochen mehrere Studieninformationsmessen besucht und dort mit Besucherinnen und Besuchern gesprochen. Es hat mich erstaunt, wie diffus die Einschätzung von Demnächst-Maturantinnen und -Maturanten bezüglich ihrer Studiumswahl ist. Wir wollen auch Tests entwickeln und verbessern, die helfen, die eigenen Fähigkeiten und Interessen festzustellen.
CHiLLi: Sie sprachen vorhin von einer stärkeren Kundenorientierung. Wenn wir in die Universität der Zukunft blicken: Wird eine Vorlesung über mittelhochdeutsche Tierdichtung da noch Platz haben oder wird die ökonomische Verwertbarkeit in den Vordergrund rücken?
Johannes Hahn: Das soll und muss es geben. So etwas macht die Qualität und den Charme eines Universitätssystems aus. Auch wenn man vordergründig den ökonomischen Zweck nicht erkennen kann. Wenn wir alles einem ökonomischen Diktat unterwerfen, dann werden wir eine sehr arme Gesellschaft, die möglicherweise gar nicht diese erwünschte ökonomische Performance liefern würde.
CHiLLi: Das heißt, die „Orchideenfächer“ werden erhalten bleiben?
Johannes Hahn: Abgesehen davon, dass die Orchidee eine schöne Pflanze ist, mag ich diesen Ausdruck nicht. Diese Fächer sind eine notwendige Bereicherung unseres Daseins. Die werden gehegt und gepflegt. Man muss sich aber ansehen – und das gilt für alle Fächer – wie oft ich eine bestimmte Studienrichtung an den verschiedenen österreichischen Universitäten brauche. Da geht es mir um die Optimierung des Gesamtsystems.
CHiLLi: Ihre Vorgängerin war unter den Studierenden nicht sehr beliebt – wie wollen sie das Vertrauen wieder aufbauen?
Johannes Hahn: Grundsätzlich hat jeder Mensch ein gewisses Bedürfnis, geliebt zu werden, aber es wäre falsch, wenn das der primäre Ansatz eines Politikers wäre. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig als Partner verstehen. Das ist auch der Grund, warum ich mich regelmäßig mit der ÖH, dem Präsidenten der Rektorenkonferenz und anderen institutionellen Vertretern treffe. Man wird nicht immer auf einen grünen Zweig kommen, aber das erwartet auch niemand.
CHiLLi: Sie haben das Regierungsabkommen nicht mitverhandelt – wussten Sie von der neuen Studiengebührenregelung, als sie ihren Job angenommen haben?
Johannes Hahn: Ich habe die Verhandlungen als überproportional interessierter Politikmensch mitverfolgt. Ich kann mit dem Ergebnis sehr gut leben.
CHiLLi: Wann wird das Modell starten und wie wird es konkret aussehen?
Johannes Hahn: Im Regierungsabkommen stehen drei Dinge, auch in einer Wertung und Prioritätenreihung: Erhöhung der Studienbeihilfe, Kreditmodell und die Freiwilligenarbeit. Der wichtigste Bereich ist die Erhöhung der Studienbeihilfe, wo wir uns entschieden, grosso modo zwei Drittel in eine tatsächliche Erhöhung und ein Drittel in eine Verbreiterung und Erhöhung der Treffsicherheit zu stecken. Der Start dafür ist das kommende Wintersemester mit zwölf Prozent Erhöhung …
CHiLLi: … die laut ÖH-Berechnungen de facto für die meisten Studierenden nur sechs Prozent sind.
Johannes Hahn: Ich weiß nicht, was die ÖH da errechnet hat – es sind zwölf Prozent. In einer ersten, sehr ordentlichen Reaktion hat sich die ÖH zufrieden gezeigt. Daraufhin hat es möglicherweise einen Rüffel gegeben, dass das der falsche Parteifreund ist. Dann wurde nachjustiert und plötzlich wurde mir eine Mogelpackung vorgehalten, weil die Familienbeihilfe nicht erhöht wurde. Aber das war ja nie das Thema. Die erste, noch nicht parteipolitische durchtränkte Reaktion der ÖH war eine grundvernünftige.
CHiLLi: Kommen wir zurück zu den Vorhaben der Regierung …
Johannes Hahn: Beim zweiten Bereich, dem Kreditmodell, erwarte ich mir keine große Veränderung. Der dritte Bereich ist die Geschichte mit der freiwilligen Arbeit. Da haben wir uns mit dem Koalitionspartner nachträglich verständigt und da sind die Arbeiten schon relativ weit gediegen. Wir werden uns da auf die Universitäten und die Bildungsarbeit im engeren Sinn konzentrieren. Es wird ein Tutoring- und Mentoringsystem geben – Tutoring bezieht sich auf die Informationsarbeit an den höheren Schulen, Mentoring möchte Jugendliche zwischen zehn und vierzehn aus bildungsferneren Schichten mit eventuell problematischeren sozialen Verhältnissen mit Mentoren in die Bildungspipeline bekommen. Die Frage, ob jemand an einer Hochschule landet, wird ja nicht erst durch das Maturazeugnis entschieden.
Interview mit Johannes Hahn weiterlesen ...
„Wurschtigkeit ist kein gutes Zeichen“