Das Filmmuseum Wien erinnert an Orson Welles, den „kolossalen“ Regisseur und Autor
Der Name dieses „Ein-Mann-Orchesters“ ist vor allem mit einem einzigen Film verbunden. „Citizen Kane“. Im Alter von 26 Jahren war es Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Orson Welles möglich, sein fiktives Porträt des Zeitungs-Magnaten Charles Foster Kane nach seinen eigenen Vorstellungen zu erschaffen.
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Der glanzvolle Beginn und das lange Leiden
Welles’ Debütwerk war revolutionär in seiner Art und Weise, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu berichten, sowie beim Einsatz neuester technischer Mittel, wie der Verwendung von Tiefenschärfe. Dem Kritikerlob ging ein Streit mit dem echten Medienzar Randolph Hearst voraus, der sich in dem Werk wieder erkannte und den Film vernichten lassen wollte. Darüber wird im Filmmuseum die Dokumentation „The Battle over Citizen Kane“ von Michael Epstein und Thomas Lennon berichten.
Das eindringliche Regie-Debüt ist allerdings nur ein Teil einer umfangreichen und bewegten Karriere, die bereits 1938 durch das Hörspiel „Krieg der Welten“ einen publikumsträchtigen Markstein legen konnte. Aufgewachsen als Sohn einer Konzert-Pianistin war der künstlerische Trieb vom 1915 in Kenosha, Wisconsin, geborenen Welles bereits früh ausgeprägt. Mit zwölf Jahren inszenierte er an der renommierten Todd School in Woodstock Shakespeares „Julius Cäsar“. Es war wohl auch Kompensation um über den frühen Tod seiner Mutter – sie verstarb als Orson neun Jahr alt war – und die fragwürdigen Erziehungs-Methoden seines Vaters hinweg zu kommen.
Opfer der Seitenblicke
Mit 26 Jahren war es allerdings vorbei mit der Herrlichkeit in den Hollywood-Studios. Sein zweiter Film „The Magnificent Ambersons“ wurde zum Paradebeispiel für die folgenden Jahre in Welles’ Karriere. Trotz seines Status als Medien-Wunderkind wurde sein Familien-Porträt von der Produktions-Firma RKO um fünfzig Minuten gekürzt und um ein Happy End ergänzt, während Welles sich nicht im Land befand.
Der Film-Noir „The Stranger“ und sein Drama „The Lady from Shanghai“ porträtieren die meisterhafte Hand, mit der Welles ausgestattet war, doch es war vor allem sein Leben im Blitzlicht-Gewitter der Boulevard-Presse und seine kurze und heftige Ehe mit Rita Hayworth – die er in „The Lady from Shanghai“ ins rechte Bild rückte – welche den Exzentriker zu einem roten Tuch für die Studiobosse in Hollywood machte.
Der Abschied aus den USA
Das Pech blieb an ihm haften, wie er es in späteren Lebensjahren immer wieder zu betonen wusste: „Ich hatte Glück wie niemand sonst. Danach verfolgte mich das Pech wie niemanden sonst in der Geschichte des Films.“ Projekte wurden gestoppt oder von den Studios in verstümmelter Form ins Kino gebracht, wo sie ohnehin keinen Erfolg hatten und erst Jahre später ihren Ruhm erlangten. Hervorragendes Beispiel hierfür ist die Film Noir-Odyssee „Touch of Evil“. Die letzte Studioarbeit in den USA kam erst Jahrzehnte später in einer restaurierten Fassung auf den Markt und wird heute als ganz großes Meisterwerk dieser Stilrichtung gepriesen.
Geradezu auf den europäischen Kontinent vertrieben, verdiente sich Welles – ähnlich späteren Autoren-Filmern wie John Cassavetes – das Geld für seine neusten Regie-Arbeiten wie „Mr. Arkadin“, „Le Procès“ oder „Falstaff“ durch Schauspiel-Aufträge. Einer davon gehört heute noch zu den eindrucksvollsten darstellerischen Leistungen, die des Harry Lime in „Der Dritte Mann“. In den über einhundert Engagements beteiligte sich der streitbare Filmemacher auch an minderwertigen Produkten und vertonte Zeichentrick-Serien. Es brachte ihm etwas Geld, doch sein Renommee begann in der Öffentlichkeit zu schwinden.
Orson Welles – Die Unvollendete
In den folgenden Jahren musste sich Welles, wie kein anderer Künstler, mit zerplatzten Projekten und finanziellen Schwierigkeiten herum schlagen. Werke wie „The Deep“ oder „The Merchant of Venice“ scheiterten meist kurz vor ihrer Fertigstellung, manchmal aufgrund fehlenden Geldes oder durch das Verschwinden mehrerer Filmrollen. Seine Version des „Don Quixote“ scheiterte am Tod des Hauptdarstellers und geisterte über zwanzig Jahre durch Hollywood, ehe sie unautorisiert beendet und zusammengeschnippelt wurde.
Die verheißungsvolle Karriere lag bereits hinter ihm. Von Fettleibigkeit gezeichnet, war Welles nur noch ein respektabler Erfolg vergönnt. Das filmische Essay „Vérités et mensonges“ spielte mit dem Zwiespalt von Kunst und Fälschung, der sich Welles Zeit seines Lebens verschrieb. Von seiner Lebensgefährtin Oja Kodar und Regisseur Peter Bogdanovich, einem seiner wenigen Freunde, durch die letzten Lebensjahre begleitet, verdiente sich der große Meister durch Zauber-Auftritte zusätzliches Geld.
Eine Retrospektive auf Tournee
Den Nachlass, den Oja Kodar verwaltet, zeigt nach Locarno nun das Wiener Filmmuseum und bietet vom 1. bis zum 30. September eine Retrospektive, die sich dem labyrinthischen Schaffen und Leben Orson Welles’ widmet. Zu sehen sind dabei auch nicht abgeschlossene Arbeiten und wieder entdeckte Raritäten.
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