Eigensperger über „FM4 als Marke“, Interventionen und die Gefahr Internet
CHiLLi: Im Zuge der Ernennung ihres neuen Marketingchefs Oliver Lingens haben Sie davon gesprochen, dass „FM4 als Marke“ weiterentwickelt werden muss – viele ihrer Hörer wären ob dieser Diktion sicherlich entsetzt …
Monika Eigensperger: Ja, Presseaussendungen und solche Ankündigungen machen zu müssen, macht mich fertig. Was sagt man da? Da sagt man dann etwas in einem „geschraubten“ Satz und es kommt sowas heraus. Aber mit „Marke weiterentwickelt“ kann ich insofern gut leben, weil sich ein lebendiges Medium wie das Radio ständig entwickeln muss. Wären wir vor zehn Jahren stehen geblieben, würden wir jetzt sehr alt aussehen.
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CHiLLi: Die Frage zielt darauf ab: Wie schwer ist es, den alternativen Anspruch aufrecht zu erhalten, und sich trotzdem am Markt zu bewähren?
Monika Eigensperger: So lange es uns so gut geht, wie es uns geht, sind wir alle glücklich. Wir haben auch nicht den Auftrag, Ö3 anzugreifen und ihnen Hörer wegzunehmen. Man muss einmal zusammenzählen: Die Reichweiten des Kulturradios Ö1 für die älteren Hörer und des Kulturradios FM4 für die jüngeren Hörer zusammengezählt, sind eine Sensation in Europa. Es gibt in Deutschland eine Fülle von hervorragenden Kulturradios – die ganz stolz sind, wenn sie zwei bis drei Prozent haben.
CHiLLi: Nachdem FM4 mit dem Soundpark der heimischen Musikszene schon seit Jahren eine Plattform bietet, zieht Ö3 nun mit den neuen Österreichern nach – fühlen Sie sich kopiert?
Monika Eigensperger: Jede Radiostation, die österreichische Musik unterstützt, ist willkommen. Eine gute Idee, die aufgegriffen und in einem anderen Zusammenhang neu umgesetzt wird, ist immer wünschenswert. Österreich hat es ohnehin schon schwer. „Weltberühmt in Österreich“ heißt ja nicht, dass der Künstler davon leben kann.
CHiLLi: Eine Funktion, die FM4 genauso hat, könnte man als Gate Keeper-Funktion bezeichnen – wer als alternative Band nicht auf FM4 gespielt wird, hat es schwer …
Monika Eigensperger: Was mich stört ist, wenn man so tut, als wäre FM4 der einzige Sender. Es gibt neben den ORF-Angeboten an die sechzig Privatsender. Würden wir anfangen, so beliebig zu sein und alles zu spielen, weil es sonst niemand macht, hätte es den unangenehmen Nebeneffekt, dass es niemanden mehr interessieren würde. Zwischen einem Drittel und einem Viertel der Musik auf diesem Sender ist aus Österreich. Es muss aber Bestand haben gegenüber dem, was international passiert. Wir decken ein gewisses Spektrum ab und es gibt unglaubliche viele interessante Sachen außerhalb dieses Spektrums – aber dafür sind wir der falsche Sender. Es allen recht zu machen, ist nicht zielführend.
Unsere Hörer sind auch extrem internetaffin und brauchen Empfehlungen nur bis zu einem gewissen Grad, weil sie selbstständig finden, was ihnen gefällt. Es ist letztendlich der Hörer, der entscheidet. Die Manipulationskraft der Medien halte ich für total überschätzt.
CHiLLi: Auf der anderen Seite hat FM4 immer wieder mit Vorwürfen aus den Subkulturen zu kämpfen, weil es Bands pusht, die dann ihren Geheimtipp-Status verlieren …
Monika Eigensperger: Es ist schon wahr: Diesen Reflex gibt es bei Menschen. Aber wenn man ein wenig länger darüber nachdenkt, müsste einem die Absurdität des Gedankens bewusst werden. Wenn ich ein tolles Buch lese, das ein Geheimtipp ist und es fünf Freunden schenke, freue ich mich, wenn es ihnen auch gefällt. Wenn es dann Jahre später in der Bestsellerliste ist, bin ich angefressen und traurig? Ich tue mir schwer, das zu verstehen. Das ist auch etwas typisch Österreichisches, den Amerikanern zum Beispiel wäre dieses Denken komplett fremd. Da sind dann alle rundherum total stolz, wenn jemand Erfolg hat. Bei uns kommen der Neid und das schamvolle Tiefstapeln.
Es wäre auch ein großartiges Feature, wenn man das Pushen steuern könnte: „Ich nehme Band A und pushe sie zum Weltstar“. Wenn die Plattenfirmen, die gerade alle in der Krise sind, das könnten, wären sie nicht in der Krise. So einfach ist es also nicht.
CHiLLi: Man hört oft von Interventionen beim ORF – kommt das bei FM4 auch vor?
Monika Eigensperger: Es ist nicht so, dass das nie versucht wurde, aber eigentlich kaum. Eine Beschwerde ist auch nicht immer eine Intervention, aber den Versuch einer Informationsfärbung gab es eigentlich nicht.
CHiLLi: Ist FM4 hier also noch eine Insel der Seligen?
Monika Eigensperger: Wenn man so will, ja. Möglicherweise hilft es auch, kein Massenmedium zu sein. Der falsche Satz bei uns hat weniger Relevanz als im Hauptabendprogramm.
CHiLLi: Derzeit werden im Sommerprogramm einige neue Formate getestet – haben Sie da schon Feedback?
Monika Eigensperger: Mehrheitlich war das Feedback gut, zum Beispiel bei den Foren auf der Homepage. Massenhafte Anrufe, dass etwas toll war, gibt es sowieso nie. Die gibt es dann, wenn etwas nicht gut war. Wir probieren im Sommer immer neue Dinge aus, das wissen die Hörer also schon. Auch wenn es heuer extremer war. Es tut generell gut, wenn sich etwas Neues tut – für die Hörer wie auch intern. Wenn man eingespielte Abläufe ändert, ist man wacher, konzentrierter, verwirrter – alles irrsinnig gut.
CHiLLi: Es wird immer davon gesprochen, dass das Internet eine Gefahr für das Fernsehen darstellt. Ist das Radio nicht genauso gefährdet?
Monika Eigensperger: Das sind Glaubensfragen: Ich glaube nicht. Mir fällt kein einziges Medium ein, das abgelöst wurde, nur weil es ein Neues gibt. Als das Fernsehen erfunden wurde, hat es das Radio nicht abgelöst. Die Zeit, die Menschen mit Medien verbringen, ist größer geworden. Das Schöne am Radio ist, dass Hören zusätzliche Aktivitäten erlaubt. Ich kann im Internet surfen und Radio hören.
Dazu kommt der Wert des Journalismus: Was ist Journalismus? Aus einer Unmenge unüberschaubarer Informationen das Relevante vom Irrelevanten zu trennen. Komplexe Themen allgemein verständlich zu machen. Dann ist es schon gut, ein Medium zu haben, von dem ich mehrheitlich das Gefühl habe, dass deren Aufbereitungen, deren Kritiken und Rezensionen unabhängig und ernst zu nehmen sind. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, alles von Adam und Eva an im Internet zu recherchieren. Bestimmte Dinge interessieren mich nur, wenn ich sie verständlich aufbereitet bekomme.
CHiLLi: Ihre Vision: Wie sieht FM4 in zehn Jahren aus?
Monika Eigensperger: Diese prophetischen Fragen sind dann immer besonders lustig, wenn man später einmal mit der Antwort konfrontiert wird. Aber ich glaube nicht, dass sich das Radio grundsätzlich neu erfindet. Die Verbreitungswege sind ein interessantes Thema. Es wäre sehr wichtig, dass man erfolgreiche Streams machen kann, ohne in Konkurs zu gehen. Wenn ein Stream gut läuft, ist er leider irrsinnig teuer. Wobei es für Radiomacher grundsätzlich egal ist, aus welchem Kastl das Programm dann kommt.
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