Vier Kurzrezensionen von ausgewählten
Filmen der diesjährigen Viennale
Aki Kaurismäki schickt sich wieder einmal an, die Melancholischen und Einsamen dieser Welt zu porträtieren, während John Turturro in „Romance & Cigarettes“ geballte Lebenslust verströmt. Da tut ein ruhiger und meditativer Blick auf das Leben in Japan richtig gut, wie Rainer Komers in „Kobe“ beweist.
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Kobe
Die japanische Stadt Kobe ist der Weltöffentlichkeit hauptsächlich als Schauplatz eines verheerenden Erdbebens bekannt. 1995 starben über 6.000 Menschen und etwa 44.000 wurden verletzt. Mit diesen Daten im Hinterkopf ist es ein umso größeres Vergnügen, sich der beinahe wortlosen Stadtrundfahrt von Rainer Komers („B 224“) auszusetzen. In „Kobe“ beobachtet der deutsche Regisseur mit ruhiger Kamera eine typische japanische Stadt und ihre Einwohner.
Dieser nüchterne Blick liefert oftmals sehr amüsante Szenen, wie etwa die Herstellung und Qualitätsprüfung eines Laptops, mittels Crashtest oder das unvermeidliche Karaoke. Dass sich Komers manchen Klischees nicht entziehen kann, liegt auch einfach daran, dass sie aus gutem Grund Klischees sind. „Kobe“ vermittelt den Eindruck einer modernen und zugleich sehr an seine religiösen Traditionen gebundene Stadt, in der die Schäden des „Hanshin-Erdbebens“ noch immer sichtbar sind und in der am, im und um den Hafen offenbar das wildeste Treiben stattfindet. Ein sehenswerter, kurzweiliger Einblick in eine japanische Großstadt.
Lichter der Vorstadt
Aki Kaurismäki zeigt in seinem aktuellen Werk den Verlust der sozialen Kontakte in gewohnt künstlerischen Bildern. Nachtwächter Koistinen (Janne Hyytiäinen – „Ten Minutes Older: The Trumpet“) wird Opfer eines verbrecherischen Komplotts. Fiese Verbrecher locken ihn mit einer hübschen Blondine, um ihn für ihre finsteren Absichten zu missbrauchen. Dadurch verliert Koistinen nicht nur seinen Job und seine Freiheit, sondern am Ende beinahe jegliche soziale Bindung.
Die Geschichte im Genre-Mix springt wild zwischen Gesellschaftsstudie und profanem Krimi, vieles wirkt aufgesetzt und Sinnlücken sind keine Seltenheit. Die Hauptfigur handelt generell nicht nachvollziehbar und erscheint als reines Mittel zum Zweck. Trotzdem hat der Film durchwegs optischen und atmosphärischen Reiz. Über mangelnde Dialoge und Handlungsschwächen trösten feine Einstellungen von rauchenden, trinkenden oder denkenden Personen. Ein Kaurismäki par Excellenze.
Romance & Cigarettes
Wenn Menschen ihre Gefühle nicht mehr durch gewöhnliches Sprechen ausdrücken können, bleibt eigentlich nur noch Eines – zu singen. Schauspieler und Autor John Turturro („Barton Fink“) hat nach dieser Idee, die er sich bei Autor Dennis Potter ausgeliehen hat („The Singing Detective“), seine Komödie „Romance & Cigarettes“ zurechtgestutzt. Angesiedelt im Arbeitermilieu erzählt er von Liebe, Betrug und Lungenkrebs. Dreh- und Angelpunkt ist die Affäre des Bauarbeiters Nick Murder (James Gandolfini – „Die Sopranos“), der sich mit der vulgären Schönheit Tula (Kate Winslet – „Vergiss mein Nicht!“) eingelassen hat. Als seine Frau Kitty (Susan Sarandon – „Elizabethtown“) hinter den Betrug kommt, steht Nick zuerst eine komisch-musikalische und dann tragische Läuterung bevor.
John Turturros dritte Regiearbeit bezieht seinen Reiz daraus, bekannte Charakterköpfe wie James Gandolfini plötzlich zu Liebesliedern singen und tanzen zu sehen. Ohne diese amüsanten Schauwerte, die gleichzeitig als Hommage an Musicals wie „West Side Story“ funktionieren, bleibt von „Romance & Cigarettes“ aber nicht viel übrig. Die fadenscheinige Handlung, die nicht mehr schafft als von einem Song zum nächsten zu führen, verliert im letzten Drittel durch einen radikalen Stimmungsumschwung sogar ihre Balance. Damit spielt die ambitionierte Kino-Jukebox „Romance & Cigarettes“ nicht mehr als kurzweilige Hits, erzeugt aber kein nennenswertes Echo.
Sehnsucht
Schon viele Filmemacher sind daran gescheitert, das wahre Leben auf die Leinwand zu bannen. Allzu verkniffen sind die meisten Versuche, Natürlichkeit darzustellen. Der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach ist mit ihrem zweiten Film nun aber das Kunststück gelungen, keinen künstlichen Eindruck zu erwecken. Mit Laienschauspielern gewährt Grisebach unverfälschte Einblicke in das kleinbürgerliche Wohnzimmer des Schlossers Markus und der Hausfrau Ella sowie in das dörfische Leben Brandenburgs.
Von der Kraft dieser einzigartigen Wirklichkeitsnähe zehrend erzählt Grisebach eine Dreiecksgeschichte: Markus (Andreas Müller) landet bei einem Schulungsausflug der Feuerwehr im Bett der Kellnerin Rosa (Anett Dornbusch). Wieder daheim bei seiner Frau (Ilka Welz) betrachtet er sein bisheriges Leben mit neuen Augen, sieht aber nicht, wie ihn sein neu gewähltes Dasein zu überrollen droht.
Auf erschütternde Weise zeigt das Drama einen bis dahin zufrieden vor sich hin lebenden Mann, der von der Liebe zu zwei Frauen zerrissen wird. Der Film greift aber auch nach den Sternen hochromantischer Momente und endet in märchenhaftem Entzücken. „Sehnsucht“ ist bodenständig und poetisch zugleich, dabei aber nie spröde oder abgehoben. Kurzum: ein neues Meisterwerk des deutschen Kinos.
Interview: „Große Sehnsucht trifft kleinen Mann“
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