Der Viennale-Eröffnungsfilm „The Queen“
ist ein missverstandener Aufschrei
Sie war die „Prinzessin der Herzen“. So zumindest bezeichnete der britische Premierminister Tony Blair Prinzessin Diana einen Tag nachdem sie in Paris in Folge eines Autounfalls verstorben war. Die mediale und öffentliche Trauer überstieg die bis dahin bekannten Ausmaße und schürte das Misstrauen gegenüber der scheinbar abgehobenen königlichen Familie.
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Idylle im Buckingham Palace
Es ist der Frühling des Jahres 1997 und das britische Volk hat einen historischen Machtwechsel herbeigeführt. Unter der Führung von Tony Blair (Michael Sheen – „Underworld: Evolution“) wurde die „Labour Party“ zur stimmenstärksten Partei der britischen Insel. Doch bevor sich der junge und hemdsärmlige Premierminister an die Arbeit machen kann, benötigt er noch den offiziellen Auftrag dafür vom formellen Oberhaupt: Königin Elizabeth II. (Helen Mirren – „Kalender Girls“).
Nach dem Verständnis der seit 1952 regierenden Königin ist Demokratie ein notwendiges Übel und Opium für das Volk. Da kann Tony Blair ein noch so breites Lächeln aufsetzen, sie sieht in ihm nur einen weiteren Premierminister - einen von vielen. Die Rollen scheinen klar verteilt. Drehbuchautor Peter Morgan („The Last King of Scotland“) konnte sich – wie er im Interview mit CHiLLi.cc bestätigte – durch die Nachempfindung dieser nirgends aufgezeichneten Vieraugengespräche literarisch austoben. Auf künstlerischem Weg zeichnet er das gegenläufige Weltbild zweier Polit-Figuren: auf der einen Seite die von Gott gesandte Monarchin – auf der anderen der vom Volk Gewählte und somit ersetzbare Vertreter.
Diana verändert die Welt
Doch in der Nacht vom 30. auf den 31. August 1997 verändert ein Autounfall in Paris die britische Welt: als Prinzessin Diana, die nach der Scheidung von Prinz Charles (Alex Jennings – „Bridget Jones: Am Rande des Wahnsinns“) kein Mitglied der königlichen Familie mehr ist, stirbt – von Reportern zu Tode gehetzt. Der Tod von Diana gehört zu den am intensivsten inszenierten Momenten von „The Queen“. Stephen Frears vermischt effektiv Nachrichten- und Spielfilmmaterial und belässt den tragischen Moment in der Fantasie der Zuseher. Die darauf folgende öffentliche Anteilnahme überwältigt die Nation und dies nützt der wankelmütige Tony Blair zu einer Rede, in der er medienwirksam von Diana als „Prinzessin der Herzen“ spricht.
In diesem Moment bricht die Hölle über die „Royals“ los: Während ganz England nach einer öffentlichen Stellungnahme ruft, versteckt sich das Königshaus hinter dem hunderte Jahre alten Protokoll. Königin Elizabeth II. sieht sich dabei unterstützt von ihrem stockkonservativem Ehemann Prinz Philipp – ein wunderbar grantelnder James Cromwell („Ein Schweinchen namens Babe“) – und ihrer Mutter. Doch der Volkszorn beginnt sich an der durch Traditionen gefesselten königlichen Familie zu entladen.
Elizabeth und Tony
Regisseur Stephen Frears („Lady Henderson präsentiert …“) und Autor Peter Morgan nehmen ihre Forschungsobjekte ernst und genau dadurch wirken alle Beteiligten auf traurige Weise komisch. So nüchtern wie Frears Nachrichtenmaterial und nachgestellte Szenen vermischt, so sehr verlässt er sich auf die von Morgan formulierten Szenen. Ob die Organisation des Begräbnisses von Diana oder die Trauer von Königin Elizabeth II. um einen erlegten Hirsch, alles im Umfeld der „Royals“ wirkt wie ein bizarres Abziehbild der Realität. Da ist die Zurückhaltung in der Inszenierung von Frears angemessen, denn so bleibt genügend Raum für die glänzenden Darsteller. Allen voran natürlich die in Venedig mit dem Preis als Beste Darstellerin geehrte Helen Mirren. Doch auch Michael Sheen als Premierminister weiß zu überzeugen. So verkommt „The Queen“ nicht nur zur „Helen Mirren-Show“ sondern könnte genauso gut „Elizabeth und Tony“ als Titel tragen.
Lang lebe die Revolution
Technisch ist „The Queen“ ein konventionell aber effektiv gemachter Film zwischen Seifenoper und Satire auf hohem Niveau, getragen von herausragenden Darstellern und einem spitzzüngigen Drehbuch. Die Botschaft die sich dahinter versteckt, scheint aber bewusst von den Sympathien für die großartige Helen Mirren überlagert zu werden. Denn in „The Queen“ wird die Monarchie demaskiert und vorgeführt.
Ob das Publikum sich blenden lässt oder doch hinter die Fassade blickt, bleibt abzuwarten und wird auch zum Gutteil die zukünftige Rezeption des Filmes beeinflussen.
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