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Kommentar Eine Kugel geht um die Welt

Alejandro González Iñárritu inszeniert mit meisterhafter Hand ...
Alejandro González Iñárritu inszeniert mit meisterhafter Hand ...
... doch das Drehbuch steht ihm immer wieder dabei im Weg
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„Babel“ – Neu im Kino

Babel steht synonym für die alttestamentarische Erzählung vom „Turmbau zu Babel“. Der Hochmut der einst einsprachigen Menschen, die mit ihrem Turm zu Gott hinauf wollten, wurde von eben diesem bestraft. Der Turm zerschlagen, die Menschen in alle Winde verteilt und noch dazu damit bestraft, einander nicht mehr zu verstehen. Der legendäre Filmemacher D.W. Griffith nahm diese Bibelgeschichte zum Anlass, um sie in seinem Stummfilmepos „Intolerance“ als Gleichnis für die Wurzel aller menschlichen Probleme zu demonstrieren. Ein Anspruch, den auch der Mexikaner Alejandro González Iñárritu („Amores perros“) verfolgt.

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Inmitten der marokkanischen Wüste
Die beiden Hirtenjungen Ahmed und Yussef werden von ihrem Vater damit beauftragt, die Herde zu bewachen und Schakale zu töten. Zu diesem Zweck ersteht der Vater von einem befreundeten Hirten ein Gewehr. Dieses übergibt er seinen Söhnen, damit sie ihre Arbeit erfüllen können. Aus Langeweile beginnen sie die Reichweite des Gewehrs zu testen, was in eine verantwortungslose Mutprobe mündet.

Ein Bus voller amerikanischer Touristen wird zum Ziel ihrer Übungen – und eine Kugel trifft die Touristin Susan (Cate Blanchett – „The Aviator“) in der Schulter. Panik bricht aus und plötzlich beginnt der Kampf um ein Menschenleben, auch und vor allem für ihren Ehemann Richard (Brad Pitt – „Mr. & Mrs. Smith“). Zur selben Zeit begibt sich die Nanny des Ehepaares – Amelia (Adriana Barraza – „Amores perros“) – mit deren Kindern zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko. Ein Grenzübertritt, der Folgen haben wird. Ebenfalls zur selben Zeit – während die Nachricht von der angeschossenen Touristin als Terroranschlag über die Welt eilt – sucht die taubstumme Schülerin Chieko (Rinko Kikuchi – „Riyuu“) im modernen Tokio nach Liebe als Ersatz für ihre verstorbene Mutter, die ihr Vater nicht ersetzen kann.

Die Magie der Zahl Drei
„Babel“ ist nach dem furiosen Debütwerk „Amores perros“ und der verschachtelten und nonlinearen Erzählung „21 Gramm“ die dritte Arbeit von Alejandro González Iñárritu und seinem Drehbuchautor Guillermo Arriaga, in der sie sich mit der Komplexität modernen Lebens befassen. In „Amores perros“ genügte dazu noch der Großstadtmoloch Mexiko City und seine sich in verschiedenen sozialen Schichten abspielende Dramen, während „21 Gramm“ bereits Charaktere von shakespearehafter Überlebensgröße entwarf und sich mit Moralfragen beschäftigte, die beinahe zwangsläufig auch in – zum Teil – unbefriedigenden Ergebnissen mündeten.

„Babel“ ist die Conclusio der vorangegangenen Arbeiten und der logische Abschluss eben dieser. Immer waren es drei Erzählstränge, die sich am Ende vermengten und so ist der dritte Film, der nach diesem Schema gedreht wird, beinahe selbstverständlich der ambitionierteste und am weitesten gespannte Film. Die über drei Kontinente erstreckte Geschichte spielt mit den Formen moderner gesellschaftspolitischer Probleme. So erzählt er etwa von illegal angestellten mexikanischen Kindermädchen, die trotz mehreren Jahren in den USA Gefahr laufen, aus dem Land geworfen zu werden. Auf der anderen Seite allerdings auch von der weltpolitischen Lage, die hinter jedem Unglücksfall mit amerikanischer Beteiligung einen terroristischen Hintergrund vermutet. Die Lehren, die der Zuseher aus „Babel“ ziehen soll, sind ganz offensichtlich und werden deshalb auch gar nicht subtil dargeboten. Stattdessen folgt Iñárritu der zweiten Lehre, die seinen Film oberflächlich ziert: Wer gehört werden will, muss zuhören.

Verständnis ohne Sprache
Diese Lehre spielt Iñárritu mit sichtlicher Freude an der Inszenierung aus. Konzentriert vermischt er die verschiedenen Vorgänge auf den drei Kontinenten, auch wenn er dabei die Klischeefallen die ihm sein Drehbuchautor gestellt hat, nicht immer umschiffen kann. In Mexikos Slums lebt es sich trotz allen Elends fröhlich – wie ein aufbrausend spielender Gael García Bernal („Science of Sleep“) beweist – während die taubstumme Chieko im lauten Lichtermeer von Tokio untergeht.

Doch trotz dieser Kritikpunkte gelingen Iñárritu immer wieder großartige Momente und einprägsame Bilder, in denen überraschenderweise zumeist Brad Pitt zu sehen ist. Seine konzentrierte und kontrollierte Leistung ist die größte Überraschung in diesem ambitionierten Drama, in dem der Hollywoodstar wieder einmal beweist, dass er auch abseits des Mainstreams ein guter Schauspieler sein kann. Ein Pluspunkt, der dem gesamten Projekt viel von seiner Energie verschafft.

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Rezension von Patrick Dorner > [ Mail ]

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