„Children of Men“ – Neu im Kino
Wie und wann sich die Welt ihrem Ende zuneigt, beschäftigt die Menschheit seit Anbeginn ihres künstlerischen Schaffens. Selbst in der Bibel ist die Apokalpyse die im Grunde packenste, weil düsterste Erzählung. Kaum ein Künstler, der sich nicht mit der Faszination des Weltuntergangs beschäftigt hat. Alfonso Cuarón zeigt mit „Children of Men“ eine interessante Variation des Endzeitszenarios.
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Unsere Zukunft ist Geschichte
In Terry Gilliams schwarzhumorigem Zeitreisethriller „12 Monkeys“ wurde das Motto der nicht mehr existenten Zukunft propagiert. Betitelt wurde damit jedoch das doppelbödige Schicksal seiner Hauptfigur. In „Children of Men“, der Romanadaption von Phyllis Dorothy James gleichnamigen Roman aus 1992, hat die Menschheit tatsächlich ihre Zukunft verwirkt, doch keiner weiß wirklich wie und warum.
Denn als plötzlich auf der ganzen Welt Frauen immer früher Fehlgeburten ereilen und später Schwangerschaften ganz ausbleiben, dämmert der Gesellschaft, dass ohne Kinder die Menschheit und die von ihnen geschaffene Welt langsam stirbt. Im London des Jahres 2027 herrscht deshalb auch große Trauer, als der knapp 18 Jahre alte Argentinier Diego ermordet wird. „Baby Diego“ war der jüngste Mensch auf dem Planeten und mit seinem Tod versinkt die Welt noch ein Stück tiefer in Apathie. Ein Mann, an dem dieser Trauertag recht spurlos vorbeigeht, ist Theo (Clive Owen – „Sin City“). Noch nicht einmal sein in der Wildnis lebender Hippie-Freund Japser (Michael Caine – „Batman Begins“) kann ihn aus seinem Desinteresse heraus holen.
Britische Insel der Seligen
Terroranschläge, Aufstände und Immigranten, die von der Regierung in Lager zusammen getrieben werden. Das England der Zukunft versucht, dem Chaos der Welt aggressiv entgegenzutreten und seinen Mitbürgern ein sicheres Leben zu sichern. Doch im Untergrund arbeitet eine separatistische Gruppe für den Fortbestand der Menschenrechte und will aus diesem Grund den vollkommen apathisch vor sich hin lebenden Theo für ihre Zwecke mit einspannen.
Wie der Zufall so will, ist die Anführerin seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore – „Die Vergessenen“) und hat ein neues As im Ärmel: die schwangere Kee (Claire-Hope Ashitey – „Shooting Dogs“). Da wird selbst der Zyniker Theo von der Hoffnung auf eine Zukunft übermannt und will sein Bestes tun, um die schwangere Frau in Sicherheit zu bringen.
Visionen am Regiestuhl
Alfonso Cuarón ist der Regisseur des mexikanischen Road Movies „Y tu mamá también“ und des dritten Harry Potter-Abenteuers: „Der Gefangene von Askaban“. In beiden Filmen unterfütterte er den Prozess der Pubertät der jeweiligen Protagonisten mit einem Hauch von düsterer Schwere. Die sexuelle Freiheit, die den beiden jungen Männern in „Y tu mamá también“ offen steht, ist zugleich befallen von der Furcht vor einer eventuellen Verantwortung, während Harry Potter neben seinem chaotischen Hormonhaushalt auch noch mit dem düsteren Lord Voldemort zu kämpfen hat, wobei nicht ganz klar bleibt, welcher Kampf der schwerere für Harry Potter ist.
In „Children of Men“ widmet sich Cuarón denn auch wieder den Kindern, diesmal allerdings als Heilsbringern der Welt. Die Botschaft, die über diesem Film prangt, ist die unschuldige Lebensfreude, die der Welt verloren geht, wenn es keine Kinder mehr gibt. Als Plädoyer für mehr Kinderfreundlichkeit ist diese actionreiche Endzeitparabel allerdings nicht zu verstehen, dann schon mehr als Spiel mit christlicher Mythologie.
Optimistische Endzeit
Wenn Clive Owen als Theo langsam aus seiner Lethargie erwacht und sich um die schwangere Kee kümmert, dann bewegt er den Film aus seiner Niedergeschlagenheit in hoffnungsvollere Gefilde. Geradezu eindringlich dargestellt wird dies durch die Musik, wenn dem Publikum das Ohrensausen – welches Theo nach einem Bombenanschlag quält – ständig präsentiert wird und sich später in einen Zustand der harmonischen Stille verflüchtigt. Cuarón balanciert die Geschichte durch derartige Details gut aus, indem er mit geradezu messianischem Eifer England an den Rand des Abgrunds führt.
Die inneren Konflikte der Separatisten werden ebenso sorgfältig aufgearbeitet, wie die lebensfremde Parallelgesellschaft der gehobenen Politikerkaste, die sich mit Original-Picassos umgibt und vom Militär bewacht wird. Eine Welt innerhalb der chaotischen Welt. In dieser Inszenierung sind es nicht die leisen sondern die lauten Töne, die dominieren. Ob betont actionreiche Feuergefechte – in denen literweise Kunstblut auf die Kameralinse spritzt – oder plakative Botschaften, Alfonso Cuarón geht mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit an dieses Thema heran und führt es so zu einem triumphalen Science-Fiction-Epos.
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