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Kommentar Oh du schöne Paranoia

Käfer, überall nur Käfer!
Käfer, überall nur Käfer!
Visuell atemberaubend und voller zynischem Witz: ein atemberaubender Film
Visuell atemberaubend und voller zynischem Witz: ein atemberaubender Film

Richard Linklater macht aus Philip K. Dicks „A Scanner Darkly“ einen hypnotischen Rausch

Käfer, überall Käfer. Als Charles Freck (Rory Cochrane – „Das Tribunal“) aufwacht, ist er übersät von Käfern. Sie scheinen aus jeder Körperöffnung zu dringen. Egal was er anstellt, ob er sich duscht oder mit Insektenvernichtungsmittel einsprüht, die Käfer kommen immer wieder. Selbst sein Hund scheint von ihnen befallen. Bildet sich Charles Freck vielleicht doch nur alles ein?

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Schizophrener Jedermann
Die USA befinden sich im Krieg gegen Drogen – ein Krieg der mit aller Härte geführt wird. Denn eine neue Droge überflutet die Straßen des Landes: Substance D. Um die Drogenkuriere, Hintermänner und Verantwortlichen zu überführen, sind spezielle Polizeieinheiten am Werk, die mittels eigens kreierten Anzügen verdeckt ermitteln. Einer dieser Ermittler ist Fred (Keanu Reeves – „Das Haus am See“), der Dank eines solchen Anzuges von niemandem erkannt wird. Dieser spezielle Anzug reflektiert verschiedene Personen und wechselt Gesicht, Kleidung und Körperbau im Sekundentakt. So ist es unmöglich, den Träger dieses Anzuges zu erkennen – er wird zum Jedermann. Doch für Fred ist dieser Anzug auch eine Bürde, denn um „Substance D“ und dessen Händler beziehungsweise Nutzer zu entdecken, muss auch er in Kontakt damit kommen.

Wie viele Gänge hat ein Fahrrad?
Drogenfahnder Fred gerät als Bob Arctor in den Zirkel der Substance D-Händler und Süchtigen, rund um James Barris (Robert Downey Jr. – „Kiss Kiss, Bang Bang“). Dessen Freunde Ernie (Woody Harrelson – „Kaltes Land“) und Donna (Winona Ryder – „Simone“) bilden gemeinsam eine Drogenzelle, die der vollständigen Observierung bedarf. Doch womit Fred nicht gerechnet hat ist die Wirkung, die von der Modedroge auf ihn ausgeht. Schon bald kann er nicht mehr unterscheiden, ob er der Polizist Fred oder der Drogensüchtige Bob ist. Zu allem Überfluss wird ein Überwachungsauftrag auf Bob Arctor ausgesetzt. Von nun an befindet sich der Polizist unter 24 Stunden langer Überwachung durch den Staat. Jedes Telefongespräch, jede private Konversation wird aufgezeichnet und von ihm selbst – als Polizisten – analysiert. Ein Umstand der ihm von James immer größeres Misstrauen entgegenbringt. Sofern dieser einen klaren Kopf hat und nicht gerade im Rausch mit seinen Drogenkumpanen über die Welt und Fahrräder philosophiert.

Utopischer Farbenrausch
Richard Linklater („Before Sunset“) ist ein ausgewiesener Fan und Kenner der Romane von Philip K. Dick – dessen Werke für bekannte Filme wie „Blade Runner“ oder „Total Recall“ Pate standen. Doch im Gegensatz zu den meist actionlastigen Adaptionen der Vergangenheit verlegt sich Linklater auf die philosophischen und gesellschaftspolitischen Beobachtungen von Philip K. Dick. Elemente seiner Romane benutzte der texanische Regisseur, und Kind der Renaissance der unabhängigen Filmszene Amerikas, bereits in „Waking Life“, um seine Traumvision inhaltlich aufzufetten.

Was „Waking Life“ mit seinem neuesten Projekt verbindet, ist die Arbeitstechnik. Wie beim zuvor angesprochenen Film produzierte Linklater die Szenen im konventionellen Stil, um sie danach einer Gruppe von Animateuren vorzulegen, damit diese sie „übermalen“. Das Endergebnis visualisiert dabei Drogenhalluzinationen und verschiedene Realitätsebenen auf eindrucksvolle Weise. Während in „Waking Life“ die Animationen wie unter einem traumhaften Schleier verharrten, sind sie in „A Scanner Darkly“ aufgebaut wie eine „Verrätselung der Wahrnehmung“. Ob im Drogenrausch oder in der Polizeistation, die paranoide Grundstimmung wird durch die Animationen hervorragend transportiert.

Nur den Humor nicht verlieren
Die Oberfläche von „A Scanner Darkly“ ist somit auch grundlegender Teil der dargestellten Welt und in dieser fühlen sich vor allem die Darsteller äußerst wohl. Vor allem Robert Downey Jr. liefert als zwielichtiger und verschlagener Drogendealer James eine Glanzleistung, die immer wieder zwischen zynischem Kasperl und paranoidem Soziopath wechselt. Für Winona Ryder stellt die Rolle als Donna ebenfalls einen Meilenstein in ihrer Karriere dar, so sehr gelingt es ihr die Facetten ihres Charakters darzustellen. Da fallen ebenfalls ansprechende aber nicht derart glänzende Leistungen der anderen Darsteller nicht mehr auf, obwohl es vielleicht die größte Überraschung ist, dass Keanu Reeves den in sich gespaltenen Fred/Bob mit dem richtigen Maß an Apathie, Zorn und Paranoia auszustatten vermag.

„A Scanner Darkly“ ist ein Film mit vielen Falltüren der höchste Konzentration erfordert, damit der Zuseher sich nicht in der einladenden Oberfläche verliert oder vom zynischen Witz blenden lässt. Sonst entgeht einem, eine großartige Fallstudie zum Thema Paranoia.

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Rezension von Patrick Dorner > [ Mail ]

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