Das Ensembledrama „Bobby“ wirft einen furchtlosen Blick in ein mögliches Amerika
Das Ambassador Hotel in Los Angeles, Kalifornien. Hier haben sich die Großen der Welt die Hand gegeben und miteinander verhandelt. Von US-Präsident Harry S. Truman bis zum sowjetischen Premier Chrustschow. Am 4. Juni wird dieses glamouröse Hotel jedoch seinen Glanz verlieren, um von einem traumatischen Abend überschattet zu werden.
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Wer bin ich?
Es ist der Morgen des 4. Juni 1968 und ein falscher Feueralarm hat die Gäste und das Personal des Hotels außer Haus getrieben. Dort treffen die Feuerwehrmänner auf so illustre Gäste wie die Gesangsdiva Virgina Fallon (Demi Moore – „Striptease“), die ihre besten Tage bereits hinter sich hat und mit ihrer Alkoholsucht die Ehe mit ihrem Mann Tim (Regisseur und Autor Emilio Estevez) aufs Spiel setzt.
Doch die Aufregung währt nicht lange. Angetrieben vom Hotelmanager Paul (William H. Macy – „Thank You for Smoking“), bereitet sich ein in Doppelschichten arbeitendes Personal auf die abendliche Feier von Robert F. Kennedy vor. Etliche Gäste sind nur deshalb an diesem Tag im Ambassador, denn an diesem Abend entscheidet sich, ob die Demokratische Partei den Bruder des ermordeten John F. Kennedy als Kandidaten für die Präsidentschaft aufstellt oder nicht.
Panoptikum Amerika
Estevez hüpft in seinem ambitioniertesten und persönlichsten Film von einem Charakter zum nächsten. Da unterhält sich der pensionierte Hoteltürsteher John Casey (Anthony Hopkins – „Alexander“) mit einem alten Freund (Schlagerikone Harry Belafonte) über die Leiden des Älterwerdens, während der junge William (Elijah Wood – „Alles ist erleuchtet“) seine Schulfreundin Diane (Lindsay Lohan – „Zum Glück geküsst“) heiraten will, um nicht in Vietnam zu landen.
Die Liste dieser Schicksale lässt sich beinahe endlos fortsetzen und wird von illustren Stars verkörpert. Die Telefonistin (Heather Graham), der Wahlhelfer (Joshua Jackson), der Personalchef (Christian Slater), der Chefkoch (Laurence Fishburn), das Ehepaar im besten Alter (Martin Sheen und Helen Hunt) oder aber auch der Hippie-Drogendealer (Asthon Kutcher). Emilio Estevez lässt seine Kollegen und Stars im Minutentakt auflaufen und so verkümmert „Bobby“ in diesen Momenten zu einer unfreiwillig komischen Starrevue mit „Aha“-Effekt.
Bürgerkrieg ante portas
Doch zum Glück hält diese Phase nicht allzu lange an und Estevez erinnert sich wieder an den Beginn seines Films, an den er Robert F. Kennedy stellt und das Klima in den USA mittels Archivmaterials auf den Punkt bringt. Die Bilder von brennenden Häusern rund um das Washingtoner Kapitol, gepaart mit Aufnahmen toter Soldaten in Vietnam. All dies illustriert nicht nur eine Zeit des Umbruchs, sondern streift auch an aktuelle Ereignisse an.
Geradezu furchtlos stürzt sich Estevez – der sich bis dato mit mäßig erfolgreichen Werken wie „Men at Work“ oder „Rated X“ als Regisseur versuchte – in seine Utopie eines liberalen Amerikas, getragen von der personifizierten letzten Hoffnung: Robert F. Kennedy. Die Ermordung Martin Luther Kings und die Symbolkraft eines Kennedy als Präsidenten, beschwört er nicht nur mittels Archivmaterials – in dem er dessen beste Reden verwendet – sondern auch in den Dialogen seiner verschiedenen kleinen Dramen.
Am Ende kam Nixon
Dabei setzt er auch immer wieder auf unmissverständlichen Pathos, der zuweilen vollkommen über die Stränge schlägt. So dozieren der Chefkoch und der Kellner über König Arthus, nur um damit eine passende letzte Metapher ins Bild zu setzen. Über die Stränge schlägt auch die Episode mit Ashton Kutcher als bizarr fehlbesetzten Drogendealer. Zwar überspitzt Kutcher seine Rolle derart, dass sie auch die gewünschte humorvolle Wirkung erzielt, doch bleibt auch hier die Frage, ob ein unbekannter Darsteller – oder der vollkommene Verzicht auf diesen Abschnitt – dem Film nicht doch besser getan hätte.
Die politische Aussage des ausgewiesenen Demokraten Estevez kommt denn auch in der packend inszenierten Schlusspassage zum Tragen. Die Hoffnungslosigkeit, die Trauer, die Wut kulminieren im Schatten des Attentats. Darüber legt sich eine Rede des Ermordeten, die ein besseres Amerika verheißt und für einen Moment die Utopie noch einmal erwachen lässt. Doch am Ende, das lehrt uns die Geschichte, kommt Richard Nixon und der vollkommene Bruch eines Landes mit seiner Institution.
Ambitionierter Faustschlag
„Bobby“ ist voll gepackt mit großen kleinen Momenten, eingerahmt in interessantes historisches Archivmaterial. Doch der unverhohlene Anspruch seines Regisseurs, dieses Werk zu einem demokratischen Pamphlet – mit Gegenwartsbezug – werden zu lassen, führt immer wieder zu überspitzten und überdramatisierten Momenten. Wie ein Faustschlag erscheint jede einzelne Szene, in der politische Aussagen nicht zu kurz kommen können.
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