„Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ – Neu im Kino
Der amerikanische Independentfilmer Richard Linklater („Before Sunrise“) hat sich im Jahr 2001 der Welt der Träume angenommen. Konventionell gefilmte Szenen wurden dann mittels Rotoskop-Technik übermalt und so zu einer Mischung aus Animations- und Traumbildfilm verzerrt. Das mit etlichen philosophischen Theorien versetzte „Waking Life“ konnte auf visueller Ebene die Traumwelt adäquat darstellen, vor allem auch, weil sich auf ein einheitliches Bild dieser Wahrnehmungsebene ohnehin niemand einigen kann. Doch überforderte Linklater sein Publikum mit seiner dialoglastigen Geschichte.
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Vergiss Michel nicht!
In der Welt von Michel Gondry spielen Träume in allen möglichen visuellen Ausformungen eine gewichtige Rolle. Ob in der Zivilisationssatire „Human Nature“ oder dem oscargekrönten „Vergiss mein nicht!“,die Geschichten für Gondry waren nicht mehr als ein Rahmen, um seine fantastischen Bilderwelten auf die Kinoleinwand zu tapezieren. Also weshalb sich nicht eines selbstverfassten Drehbuchs annehmen, in dem es um einen jungen Mann geht, der Schwierigkeiten hat, Traum und Realität zu unterscheiden?
In seine einstige Heimatstadt Paris kehrt der junge Stepháne (Gael García Bernal – „La mala Educación“) zurück. Diese Stadt war ihm lange genug ein Gräuel, doch als ihm seine Mutter eine Stelle als Illustrator von Kalendern in Aussicht stellt, kehrt er widerwillig heim und richtet sich in der einstigen Wohnung seiner Eltern ein.
Wo die Liebe hinfällt
Anfangs ist alles noch amüsant und vor allem interessant. Stéphane betätigt einen skurrilen selbst gebastelten Lichtschalter vom Bett aus, der im Grunde ein an einer langen Schnur befestigter Hammer ist, den Stéphane auf den eigentlichen Schalter knallen lässt. Dass das neue, alte Heim noch weitere Vorzüge außer kindlich-fantasievollen Installationen zu bieten hat, zeigt sich spätestens, wenn der junge Mann seiner Nachbarin Stéphanie (Charlotte Gainsbourg – „21 Gramm“) über den Weg läuft. Von einem Moment auf den anderen ist er verliebt ...
Doch natürlich wäre dies zu schön und so häufen sich mit der Zeit die Probleme. Die Stelle als Illustrator ist in Wirklichkeit ein dumpfer Fließbandjob, seine Mutter hat einen neuen Liebhaber und die von ihm verehrte Stéphanie ziert sich. Kein Wunder also wenn sich Stéphane, der ohnehin immer schon Probleme hatte zwischen Traum und Realität zu unterscheiden, in seine so bunte Welt der Träume flüchtet.
Wo Bilder, da keine Handlung
„Science of Sleep“ ist ein von erstaunlicher Fantasie geprägtes visuelles Meisterwerk. Jede erdenkliche Idee, die manch anderer Filmemacher nur in Kurzfilmen erprobt oder in Musikvideos eingebaut hätte, nimmt Gondry um seinen Spielfilm um eine kleine Einstellung zu erweitern. Tatsächlich startete Michel Gondry als Musikclip-Regisseur für Björk, Radiohead oder Beck, um später in den Spielfilm Einzug zu halten. Seine ersten Werke verdanken ihren guten Ruf auch zwei Faktoren. Zum einen seiner überbordenden Fantasie was Bildkompositionen betrifft, und zum anderen den verrückt-kreativen Drehbüchern von Charlie Kaufman.
Genau an der Abwesenheit des Drehbuchautors Kaufman krankt auch „Science of Sleep“. Die knapp neunzig Minuten lange Abhandlung über die Vermengung von Traum und Realität lässt zwar den Zuseher eine Zeitlang in den Film hineinkippen und oft auch über die unklar gezogenen Grenzen hinwegsehen, doch entpuppt sich im Laufe der Zeit das Streben Stéphanes nach Stéphanie als ein eher lahmer Handlungsmotor. Zudem spielt Charlotte Gainsbourg die angebetete Spröde weniger spröd denn farblos. Demgegenüber steht ein gut aufgelegter Gael García Bernal, der im Grunde den Kern seiner besten Rollen – „Amores Perros“ und „Die Reise des jungen Che“ – in diesen Film hinüberführt, waren doch auch die vorangegangenen Charaktere im Innersten Träumer.
Die Anleitung zum Träumen lautet ...
Zu Beginn von „Science of Sleep“ mischt Stéphane in seinem erträumten Filmstudio das Rezept für Träume. Freundschaft, Liebe und tagesaktuelle Ereignisse vermengen sich zu einem Brei, der in spiralförmigen Farbkompositionen aufgeht. Danach ist Stéphane in seinem Traum nur noch zu hören. Michel Gondrys filmische Traumvision mag in kleinen Dosen faszinieren, als ganzer Spielfilm hätte ihm allerdings etwas mehr Handlung als Zutat in seinem Drehbuchcocktail gut getan.
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