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Kommentar Makabre Lebensfreude

Regie-Star Pedro Almodóvar summiert sein Schaffen
Regie-Star Pedro Almodóvar summiert sein Schaffen
Doch dieses gelingt nur bedingt, ist dennoch schön anzusehen
Doch dieses gelingt nur bedingt, ist dennoch schön anzusehen

„Volver“ – Neu im Kino

Ein heftiger Wind weht über den malerischen Dorf-Friedhof. Das Herbstlaub umhüllt die Grabsteine, doch die alten Damen – Witwen – pflegen die Gräber ihrer vor Jahren verstorbenen Gatten mit Liebe und äußerstem Pflichtbewusstsein. Mehr noch sorgen sie sich nur um ihre eigenen Ruhestätten, die schon längst reserviert sind und in einem tadellosen Zustand gehalten werden müssen, des Anstands wegen.

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Frauen, Freunde, Verwandte
In dieser Umgebung findet der Zuseher bald seine Anhaltspunkte. Es sind die beiden Schwestern Sole (Lola Dueñas – „Das Meer in mir“) und Raimunda (Penélope Cruz – „Sahara“) sowie deren pubertierende Tochter Paula (Yohana Cobo – „El Séptimo día“), die sich am Friedhof einfinden und das Grab ihrer Mutter besuchen. Doch in dem kleinen spanischen Dorf sind Verwandte und Freunde nicht weit, weshalb sie um einen Besuch bei ihrer gebrechlichen Tante Paula (Chus Lampreave – „Sprich mit ihr“) nicht umhin kommen.

Deren physischer und psychischer Zustand macht den drei Frauen große Sorgen, denn scheinbar weiß sie nicht, wo sie sich befindet und in welchem Jahr. Noch größer ist allerdings die Überraschung über den tadellos geführten Haushalt und das, obwohl Tante Paula ohne jede Hilfe über die Runden kommen muss. Denn einzig ihre Nachbarin und Freundin Agustina (Blanca Portillo – „Elsa und Fred“) hat ein Auge auf die alte Frau. Doch da sie selbst von ihrer Schwester bedrängt und von der Trauer über das ungelöste Schicksal ihrer verschwundenen Mutter übermannt wird, lässt ihre Aufmerksamkeit zu wünschen übrig.

Was hier in vielen Worten beschrieben wird, ist nur die Ausgangsposition, die der gefeierte und Oscar-gekrönte spanische Regisseur Pedro Almodóvar („La Mala educación“) entwirft. Ein komplexes Bild von Frauenfreundschaft und Verwandtschaft, das sich in zehn Anfangsminuten entfaltet. Dabei macht er hier natürlich noch lange nicht Schluss, sondern vertieft und überhöht die Story von Sequenz zu Sequenz.

Was ist schon der Tod?
Das wahre Bild dieser lebhaften Komödie wird im Umgang mit dem Tod sichtbar. Die vor Jahren verstorbene Mutter von Sole und Raimunda – Irene (Carmen Maura – „Reinas“) – erscheint ihrer Tochter als Geist, während Raimunda den Tod ihres nichtsnutzigen Ehegatten Paco (Antonio de la Torre – „La Comunidad“) vertuschen muss. Schließlich wurde er von seiner Tochter Paula erstochen, als dieser sich ihr sexuell näherte.

In diesem Zusammenhang wird der Tod auch weniger zu einem schockierenden Ereignis als vielmehr zum Ausdruck für Lebensfreude und Innovation. Egal, ob der Leichnam von Paco in einer Kühltruhe verstaut oder der Tod einer Verwandten betrauert werden muss. Die Folgen dieser Ereignisse und die dazugehörigen Bilder gleichen sich auf frappante Weise. Dokumente der spanischen Lebensfreude und der weiblichen Lust am Leben werden von Almodóvar regelrecht zelebriert. Wenn Raimunda eine verlassene Gaststätte als Lagerplatz für ihren toten Mann nutzt und dadurch zufällig ins Gastgewerbe schlittert, ist dies ebenso von Freude und Vitalität gezeichnet, wie die Parade der trauernden Frauen, die an einem Begräbnis teilnehmen und den Hinterbliebenen ihr Mitgefühl ausdrücken.

Eine Welt ohne Männer
So positiv das Bild der Frau in „Volver“ gezeichnet wird, so negativ ist das der Männer. Und davon sind gar nicht einmal viele in diesem Film anzutreffen. Entweder sind die Ehegatten seit Jahren tot, ziehen in eine andere Stadt oder sind – wie Paco – so unsympathisch und vulgär skizziert, dass ihr Tod nicht zu betrauern, sondern zu bejahen ist. In dieser Konstellation von Humor und Melodramatik knüpft Almodóvar an die eigenen Traditionen seiner hysterischen Komödien – etwa „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ oder „Laberinto de pasiones“ aus den Achtzigerjahren - an. Und er kombiniert diese mit den neu erarbeitenden Mechanismen des Melodrams, die er in Filmen wie „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“ oder „La Mala educación“ zu neuen Höhen getrieben hat.

In diesem Zusammenspiel scheint der Almodóvar’sche-Filmkosmos zur absoluten Vollendung hinzusteuern. Doch gerade in „Volver“ wird klar, weshalb bislang nur das eine oder nur das andere funktionierte und nicht beide in einem Film. „Volver“ ist ein wunderschöner Film, getragen von einem großartigen Darstellerinnen-Ensemble, aus dem eine sinnliche Penélope Cruz herausragt. Vollkommen zu Recht wurden die Frauen in diesem vor spanischer Lebensfreude übergehenden Film mit dem Darstellerpreis beim letzten Filmfestival von Cannes bedacht. So muss sich der große Frauenversteher Almodóvar eben bei diesen seinen Frauen bedanken, dass sein Film trotz übersteigerten Sentiments im letzten Drittel ein Genuss bleibt, der Lust auf eine Reise ins Herz Spaniens macht.

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Rezension von Patrick Dorner > [ Mail ]

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