„Dear Wendy“ – Neu im Kino
Thomas Vinterberg und Lars von Trier – eine Kombination, die im europäischen Kino schon für so manche Diskussion und so manche filmische Glanztat verantwortlich zeichnete. Die beiden Herren hoben 1995, zum hundertsten Geburtstag des Kinos, das „Dogma“-Manifest aus der Taufe und fertigten unter ihm Filme wie „Das Fest“ und „Idioten“ an. Dennoch dauerte es bis 2005 ehe die beiden als Regisseur und Drehbuchautor erstmals für einen Film, nämlich „Dear Wendy“, zusammen arbeiteten.
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Verwirrte ziellose Jugend
Die kleine Bergarbeiterstadt Estherslope ist die Heimat einer Gruppe ziellos vor sich hin vegetierender Jugendlicher. Aus der Sicht von Dick Dandelion (Jamie Bell – „King Kong“) erlebt der Zuseher die trostlose Geschichte dieser Stadt. Sie ist geprägt von Aussichtslosigkeit und Monotonie. Der einzige Weg, ein Stück Unabhängigkeit für sich zu behalten, ist Dicks strikte Weigerung, eine Karriere als Minenarbeiter einzuschlagen. Seine offen zur Schau getragene Ideologie des Pazifismus lässt ihn vollends in einer selbst gewählten Isolation landen. Doch von den Dorfbewohnern und den anderen Jugendlichen wird er zumindest mit Wohlwollen toleriert.
Die von Apathie und latenter Aggression gezeichnete Existenz erfährt eine dramatische Wendung, als Dick in den Besitz einer Handfeuerwaffe gerät. Trotz seiner tiefsten inneren Überzeugung kann sich der orientierungslose Teenager nicht von der Waffe trennen. Er nimmt sie in seine Obhut und behandelt sie wie einen gleichwertigen Gefährten. Diese Faszination weitet sich soweit aus, dass er dem sechsschüssigen Revolver einen Namen gibt: Wendy.
Die Geburt der Gewalt
In Dicks Gefolge versammeln sich bald Gleichgesinnte, die im Namen der Waffe einer Parallelwelt frönen. Darunter finden sich allerlei Verlierer und Ausgestoßene. Noch weiß niemand etwas von diesem illegalen Waffenclub, den „Dandies“. Doch als Sheriff Krugsby (Bill Pullman – „Der Fluch“) den straffällig gewordenen Sebastian (Danso Gordon – „American History X“) in die Obhut von Dick entlässt, damit dessen guter Einfluss auf ihn wirkt, ändert sich das Gefüge innerhalb der „Dandies“. Die Welt des Waffenklubs gerät ins Wanken und wird in einem blutigen Finale enden.
Wer mich liebt, nimmt eine Waffe
Vinterberg und und Von Trier, die beiden kreativen Köpfe hinter „Dear Wendy“, verbitten sich alle Interpretationen, die in ihrem Film eine Parabel auf den Waffenkult in den Vereinigten Staaten sehen wollen. Keinerlei tiefere Begründung oder Absicht soll darin liegen. So wirklich glauben will der Zuseher den beiden Herren dann aber doch nicht. Viel zu offensichtlich wird die Waffe als sexuell aufgeladene Geliebte ins Zentrum des Geschehens gestellt. Die „Waffenhysterie“ – wie sie vor allem in Dicks Leben porträtiert wird – endet in einem beinahe plakativen Showdown mit bombastischem Hollywood-Feuerwerk. Darin keine Anklage an den Waffenkult zu sehen, scheint ein wenig naiv zu sein. Gerade bei zwei so berechnend inszenierenden Filmemachern wie Vinterberg und von Trier lässt sich die Ahnung des Kalküls nicht ausräumen.
Dabei gäbe es genug Ansatzpunkte, die „Dear Wendy“ vor allem als verschlüsseltes Coming-of-Drama erscheinen lassen würden. Die „Dandies“ leben in einer Stadt, die wie eine Nachbildung von Lars von Triers reißbrettartig aufgebautem „Dogville“ erscheint und führen dabei ebenso eingeengte und bedrückte Leben. Ihre Reise in den Untergrund und eine illegale Sphäre ist dabei vor allem auch durch das Fehlen jeglicher Elternfigur konsequent. Ähnlich wie in Gus van Sants Highschool-Drama „Elephant“ erscheint die dargestellte Welt wie ein Raum ohne Bezugspersonen für die Heranwachsenden. Gerade dadurch ist die Suche nach einer Ersatzliebe umso schlüssiger.
Die Größe der Idee
Diese grundsätzlichen Ideen werden von Vinterberg ansprechend illustriert und vor allem durch den Soundtrack – der Songs aus verschiedenen Jahrzehnten mischt – dargestellt. Die im Film diskutierten fatalen Folgen des Benutzens einer Handfeuerwaffe erscheinen wie Lehrstudien und zeigen, was in diesem Film noch für Potential gesteckt hätte.
Leider werden die Charaktere recht lieblos in das Geschehen eingefügt, während der Waffenkult eine entsprechende Illustrierung findet. Mit all der Glaubwürdigkeit und Stringenz ist es aber vorbei, wenn der straffällige Jugendliche Sebastian auf den Plan tritt. Die darauf folgenden gruppendynamischen Umwälzungen dienen mehr als Lückenfüller bis zum unvermeidlichen Showdown zwischen der Unterwelt der „Dandies“ und der Oberwelt der Gesetzeshüter. Dann aber hat sich das Interesse an dem interessanten Gedankenexperiment bereits weit gehend verloren.
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