„Factotum“ – Neu im Kino
Benommen von übermäßigem Alkoholgenuss quält sich ein etwa vierzig Jahre alter Mann aus seinem Bett und torkelt durch die Küche in das Bad. Während er sich übergibt, erwacht die Frau, die neben ihm im Bett gelegen hat. Der Mann verlässt das Bad, worauf die Frau das morgendliche Trinker-Ritual wiederholt. Während sie sich in die Kloschüssel übergibt, nimmt der Mann eine neue Flasche Bier und leert diese beinahe in einem Zug.
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Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Der Mann ist Henry Chinaski (Matt Dillon – „L.A. Crash“) und die Frau ist seine Freundin Jan (Lili Taylor – „High Fidelity“). Ihr deprimierendes und bescheidenes Leben verbringen sie gemeinsam: Das seltsame Paar liegt im Bett, hat ununterbrochen Sex und dröhnt sich mit billigem Alkohol zu. Ihr Einkommen beziehen die beiden von der Sozialhilfe oder aber auch aus sporadischen Aushilfsjobs, die Henry mit ziemlichen Widerwillen erfüllt.
Ob er sich nun als Lieferwagenfahrer, Fließbandarbeiter oder Verkäufer einspannen lässt, die Jobs scheinen oft deprimierender zu sein als das Leben, das er mit Jan führt. Doch zumindest gibt es da noch die Pferderennbahn als Ausweg zu einem besseren Dasein – zumindest für eine kurze Zeit. Doch Jan hat mit einem reichen, spießigen Henry keine große Freude und lässt ihn dies auch spüren, als er plötzlich beginnt, regelmäßig auf der Rennbahn zu gewinnen.
Das Mädchen für alles
Die Bezeichnung „Faktotum“ wird heute oft geringschätzig eingesetzt, während die ursprüngliche Bedeutung auf einen Mann hinwies, der in einem Haushalt oder Betrieb für verschiedene Aufgaben eingesetzt wurde, also ein Mädchen für alles war. Im gleichnamigen Roman von Charles Bukowski, der zwischen 1970 und 1974 entstand, rekapitulierte der Autor die Zeit, bevor er seine schriftstellerische Stimme fand. Der norwegische Regisseur Bent Hamer („Kitchen Stories“) hat diese Odyssee durch den grauen Alltag eines Verlierers nun verfilmt.
Bukowskis darin vorkommendes Alter Ego Henry Chinaski wird in kongenialer Form von Matt Dillon verkörpert, der offenbar erst kommerzielle und künstlerische Rückschläge wie die Komödie „Eine Nacht bei McCool’s“ (2001) oder sein misslungenes Regiedebüt „City of Ghosts“ (2002) benötigte, um zu erkennen, wohin seine Karriere wirklich führte. Natürlich ist Dillon viel zu hübsch um eine optisch adäquate Verkörperung Chinaskis zu sein, doch seine Mimik und Gestik machen dies alles wett.
Er schlurft durch die Gegend, presst im Gespräch mit Vorgesetzten seine Worte durch die Zähne und schleppt seinen bulligen und verschwitzten Körper von einem Ort zum anderen. Zielloses Wandern ist das Hauptmerkmal von Henry Chinaski und all diese Komponenten scheinen Frauen anzuziehen. Ob die lange mit ihm zusammen lebende Jan oder die Prostituierte Laura (Marisa Tomei – „Alfie“). Keine kann sich dem alkoholgetränkten Charme des Verlierers entziehen, denn sie sehen in ihm nur eine Spiegelung ihrer eigenen Existenz.
„Lies einen Bukowski und du kennst sie alle“
Die Bücher von Charles Bukowski haben ein Kennzeichen, das sie für viele Leser so abstoßend macht: Einheitlichkeit. In den meisten seiner Kurzgeschichten oder Romanen variiert Bukowski die Darstellung seines deprimierenden Daseins. Genau dieser Aspekt kann so manchen Leser langweilen. Wer so empfindet, wird sich aber wohl kaum für die erste große Bukowski-Filmadaption seit „Barfly“ (1987) in die Kinos begeben.
Dabei wird jenen aber ein äußerst intelligenter und humorvoller Film entgehen. Wie in seinem Vorgängerwerk „Kitchen Stories“ benutzt Regisseur und Autor Bent Hamer, die auf wenige Quadratmeter reduzierten Räumlichkeiten, um darin ebenso konzentrierte Geschichten zu erzählen. „Factotum“ ist die Erzählung eines deprimierenden aber äußerst alltäglichen Lebens, fernab von Glanz und Glorie, wie sie im Kino allzu oft dargestellt werden, fernab aber auch von Ausnahmesituationen tristen Ursprungs, die sich ebenso oft auf Zelluloid gebannt finden.
Charles Bukowski mag sicher für viele kein aufregendes Leben geführt haben und nicht unbedingt aufregende Bücher darüber geschrieben haben. Doch als Basis für eine auf die wesentlichsten menschlichen Charakterzüge und Bedürfnisse reduzierte Studie ist das Werk Bukowskis ein äußerst lohnenswertes Erlebnis.
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