„Tsotsi “ – neu im Kino
Johannesburg zählt zu den gefährlichsten Städten der Welt. 1999 entfielen dort offiziell auf 100.000 Menschen 55,3 Morde. Pro Tag werden im Durchschnitt zwei Frauen in einer Minute vergewaltigt. Insgesamt führt nur jedes achte schwerwiegende Verbrechen zu einer Verurteilung. Knapp neunzig Prozent aller Autodiebstähle und 77 Prozent aller Überfälle bleiben unaufgeklärt.
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Gangsters Paradise
Genau in dieses beängstigende Umfeld bettet Gavin Hood die Filmgeschichte seines Helden „Tsotsi“ (Presley Chweneyagae), der als junger Bandenführer mit seiner Gang inmitten der Slums von Johannesburg lebt. Tag für Tag beginnt die Bande von dort aus ihre brutalen Raubzüge in die große Metropole. Gemeinsam stehlen sie Autos, rauben betuchte U-Bahnpassagiere aus oder brechen in Luxusvillen der noblen Vororte ein. Gegen die Überfälle ist die Polizei machtlos. Beschützt von den endlosen, labyrinthartigen Baracken der Elendsviertel schafft es Tsotsi, dessen Name in etwa Straßenkämpfer bedeutet, mit seiner Gang problemlos unterzutauchen. Seine Verbrechen haben keine Konsequenzen.
Wendepunkte
Eines Abends allerdings sieht sich der Anführer der Gangsterbande mit den Folgen seiner Gewalttätigkeit konfrontiert. Nach einem brutalen Raubmord in der U-Bahn, den die Bande gemeinsam begeht, beginnt ein Kumpan namens Bosten, die begangenen Taten zu hinterfragen. Auf der Suche nach Gründen für die gewissenlosen Gewaltakte fordert er den Bandenführer auf, seine wahre Vergangenheit preis zu geben. Tsotsi verliert die Fassung, schlägt ihn zusammen und flieht in die dunkle Nacht Richtung Nobelviertel.
Getrieben von schmerzhaften Erinnerungen seiner Kindheit, die von den Leiden seiner Aids-kranken Mutter und den Gewaltakten seines alkoholabhängigen Vaters geprägt war, begeht Tsotsi seinen nächsten Coup alleine. Bei dem Versuch, ein Auto zu stehlen, schießt er auf die Besitzer und flüchtet mit dem Wagen. Erst später bemerkt er das neugeborene Baby am Rücksitz und baut vor Schreck einen Unfall. Nun muss er die Flucht zu Fuß fortsetzen. Aus irgendeinem Grund kann er aber das schreiende Kind im Wrack nicht zurücklassen. Er entschließt sich, es mitzunehmen, packt es in eine Papiertüte und nimmt es mit in seine Welt, die sich damit schlagartig verändern wird.
Afrika, wie es leibt und lebt
Der Film basiert auf Athol Fugards Roman „Tsotsi“, der bereits in den Sechzigern entstanden ist und bis heute als eines der wichtigsten Werke der zeitgenössischen südafrikanischen Literatur zählt. Als Regisseur und Drehbuchschreiber schafft Gavin Hood („A Reasonable Man“) ein 94-minütiges Filmwerk mit vollkommen unbekannten Laiendarstellen aus Südafrika. Gedreht wurde in der Sprache der südafrikanischen Townships – eine Mischung aus den lokalen Slangsprachen Zulu, Xhosa und Sotho. Das Schicksal Tsotsis wird im Film von den pulsierenden Rhythmen der so genannten Kwaito-Musik begeleitet, einer aus rezitativen Gesängen und einer starken Basslinie bestehenden, modernen Musik der afrikanischen Provinzen.
Produziert für Hollywood
Dass „Tsotsi“ der Gewinner des diesjährigen Auslands-Oscars geworden ist und nebenbei noch unzählige Publikumspreise einheimsen konnte, überrascht wenig, ist doch die Geschichte um einen orientierungslosen, gewalttätigen Jungen, der sich durch die Verantwortung für ein kleines Baby zu einem besseren Menschen wandelt, eine zeitlose Parabel für das Böse und Gute im Menschen, die jedem Zuseher sofort nahe geht und damit wie gemacht scheint für das erfolgreiche Hollywoodkino.
Saubere Gewalt
Ähnlich wie in Fernando Meirelles Meisterwerk „Ciudade de Deus“ gelingt es Hood zwar, die Hoffnungslosigkeit und Armut der Slums in Ansätzen näher zu bringen. Eine reale Gewalt bleibt dabei aber harmlos und mitunter ausgespart. Die Opfer sinken rasch zusammen und verschwinden im wahrsten Sinne des Wortes von der Bildfläche. Hood scheint sich lieber jenen Szenen ausgiebig zu widmen, in denen der Held mit sich zu hadern beginnt, dabei aber nicht wirklich viel auf der Leinwand zeigt.
Alles resultiert schließlich in einem etwas langatmig produzierten Werk ohne Ecken und Kanten, perfekt geschliffen für die Traumfabrik Hollywood. Von Eigenständigkeit und innovativer Ästhetik kann hier keine Rede sein. Dazu fällt einem letzen Endes nur dasselbe ein, wie zu Hoods Dankesrede für seinen Oscar – „Gott schütze Afrika!“
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