Filmemacher Michael Haneke beweist mit „Caché“ seine Vormachtstellung
Ein Videoband, die Aufzeichnung des Alltags in einer Pariser Vorstadt-Siedlung. Ein statischer Blick und doch beunruhigend. Dies ist die Ausgangs-Situation in Michael Hanekes gefeiertem Thriller „Caché“. Sein neunter Kinofilm ist die Summe der Einzelteile, die in seinen vorangegangenen Arbeiten auf die Leinwand geworfen wurden.
Werbung
Die Lemminge als Wappentier
Der Weg zum Filmemacher war Michael Haneke im Grunde bereits in die Wiege gelegt. Als Sohn des Regisseurs und Schauspielers Fritz Haneke und der österreichischen Schauspielerin Beatrix von Degenschild, konnte im Grunde nichts anderes als eine künstlerische Ausbildung in Frage kommen. Doch der Weg Hanekes führte über eine Absage am Wiener Max-Reinhardt-Seminar und ein abgebrochenes Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften schließlich ins Fernsehen. In Baden-Baden trat Michael Haneke eine Stelle als TV-Dramaturg an.
Die dort erworbenen Fähigkeiten münzte der Filmemacher von nun an in seine Drehbücher um, denen aber – laut seiner eigenen Aussage – zunächst noch ihre filmische Sprache fehlte. Werke wie „ … und was kommt danach?“ oder „Drei Wege zum See“, waren noch zu sehr den Konventionen des Fernsehens verhaftet. Mit dem Zweiteiler „Lemminge“ gelang es Haneke, eigene Konturen zu formen und sich ersten Respekt zu verschaffen.
Vergletscherung der Gefühle
Doch erst 1989 wagte Haneke den Sprung auf die Leinwand und vollendete mit seinen ersten drei Filmen eine beachtenswerte Reihe, die der Filmemacher selbst als eine Trilogie über die „Vergletscherung der Gefühle“ ansieht. Der kühle Abgesang auf Familie und Medien in „Der Siebente Kontinent“, „Benny’s Video“ und „71 Fragmente einer Chronologie der Zufälle“, setzte bereits die Kernthemen fest, mit denen sich Haneke bis heute befasst.
Sein verstörender Gewalt-Exkurs „Funny Games“ entzweite in seiner Beschränkung auf die Darstellung des Gewaltmoments die internationale Kritik und verschaffte seinem Schöpfer den Ruf eines schwierigen und exzentrischen Regisseurs. Dabei sind die Filme des an der Wiener Filmakademie lehrenden Haneke ein Ausdruck höchster Unsicherheit. Wie er selbst immer wieder bemerkt, widmet er sich sozialen Missständen und moralischen Diskursen. So ist auch der Überbegriff „Schuld“ immer ein Gegenstand der filmischen Untersuchungen.
Frankreich oder Österreich?
Ob in „Code inconnu“ oder seinem aktuellen Thriller „Caché“. Die Schuldfrage durchzieht die kühlen und im formalen Sinn zugleich einfachen Erzählungen. Es scheint, als sei der streitbare Regisseur mit Beginn des neuen Jahrtausends auch filmisch im sicheren Hafen angelangt. Der Triumph, den er mit seiner Elfriede Jelinek-Verfilmung „Die Klavierspielerin“ in der ganzen Welt feierte, überdeckte offene Konflikte – ob mit der Viennale, in Person von Hans Hurch, oder dem heimischen Feuilleton, die von unterkühlten Werken zu sprechen pflegen.
International weiß sich Haneke allerdings auf der sicheren Seite und lässt sich von Lob umspülen. Dabei kann er selbst künstlerische Fehlschläge wie das Endzeit-Drama „Wolfzeit“ verschmerzen. In seiner Vita wird es wohl einen geringen Stellenwert einnehmen. Sehr wohl ins Feld der Diskussion muss die Beziehung zum österreichischen Film gebracht werden. Nicht zuletzt durch die Disqualifikation von „Caché“ durch die Oscar-Jury, da diese den Thriller nicht als österreichischen Beitrag ansah. Kein Wunder, bei einem Film der ausschließlich in französischer Sprache gedreht wurde und dessen Verwurzelung überdeutlich in Frankreich liegt. Da reicht vom ORF bereitgestelltes Produktions-Geld nicht aus.
Generation Gletscher
Einem Land möchte sich Haneke selbst – der nächstes Jahr sein Debüt als Opern-Regisseur in Paris mit „Don Giovanni“ feiert – dabei gar nicht zuordnen, er strebt vielmehr die europäische Kooperation an, allein aus finanziellen Gründen. Künstlerisch braucht sich der führende Kopf der heimischen Regie-Gilde niemanden mehr zu beweisen. Schließlich zeigt er mit dem raffinierten „Caché“ erneut seine Meisterschaft und sein Wissen um die Dekonstruktion des Bildes.
Der Einfluss, den er dabei – durch seinen Unterricht an der Wiener Filmakademie – auf künftige Filmemacher nimmt, ist jedoch zwiespältig zu betrachten. Während Haneke sich eine kühle und protokollarische Ästhetik erarbeitete – die am ehesten mit dem großen Kino-Moralisten Krzysztof Kieslowski („Dekalog“) zu vergleichen ist – lehnen sich Regisseurinnen wie Jessica Hausner („Hotel“) oder Barbara Albert („Böse Zellen“) noch immer an den typischen Haneke-Formeln von Schuld, Medien und Gewalt an. Sie müssen sich noch von ihrem Lehrmeister emanzipieren.
Links dazu ...
Externer Link Caché
Externer Link Wolfzeit
Externer Link Die Klavierspielerin