In „Last Days“ geht es Gus Van Sant weniger um Kurt Cobain als um Pop-Kultur
Kurt Cobain, mit keinem anderen Singer/Songwriter der Neunziger verbinden sich so sehr mythische Verehrung und dogmatisches Denken. Wer immer „Nirvana“ nur als eine einfache Rock-Band bezeichnet – und sei es der ehemalige Drummer Dave Grohl selbst – wird von der Fangemeinde gelyncht. Mal sehen, was sie zu Gus Van Sants „Last Days“ sagen werden …
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Hier kommt Kurt!
Ein junger Mann mit langen blonden Haaren stapft durch den Wald, er murmelt und summt vor sich hin, bis er zu einem kleinen Wasserfall gelangt. Er zieht seine Sachen aus und geht eine Runde schwimmen, die nassen Sachen trocknet er über einem Lagerfeuer. Dieser junge Mann scheint die Nacht im Wald zu verbringen, denn erst am frühen Morgen kehrt er in sein Haus zurück, ein großes Landhaus irgendwo im Nirgendwo.
Mehr passiert auch im Laufe der folgenden neunzig Minuten nicht wirklich. Michael Pitt – einst in „Dawson’s Creek, dann über Bernardo Bertoluccis „Die Träumer“ zu Kritikerehren gelangt – spielt den von Drogen körperlich und geistig am Ende seines Daseins stehenden Rockstar Blake. Natürlich handelt es sich dabei um eine Variation des Nirvana-Masterminds Kurt Cobain, dies ist von der ersten Minute an klar, wenn Gus Van Sant seinen Hauptdarsteller aus der Ferne wie ein neugieriger Voyeur beobachtet. Die langen blonden Haare und das Gemurmel reichen, um aus Michael Pitt Kurt zu machen.
Weniger Handlung, mehr Stillstand
Viele Nirvana-Fans, die sich eine geradlinige Erzählung zum Selbstmord Cobains erwarten, werden definitiv enttäuscht sein, denn Van Sant („Good Will Hunting“) interessiert sich mehr an der Ikonografie als an der tatsächlichen Figur. Dieser Gedanken-Ansatz wird konsequent durch das Spiel getrieben. Doch während sich Michael Pitt durch das Geschehen schleppt, versucht Van Sant seinen Inszenierungs-Stempel auf den Film zu drücken.
Dass er dabei wohl auf ein ausgearbeitetes Drehbuch verzichtete, ist mehr als offensichtlich. Bereits bei seinem inszenatorisch ähnlich gelagerten Highschool-Drama „Elephant“ legte er den Darstellern ein zwanzig Seiten kurzes Exposé vor, auf dessen Basis die Szenen improvisiert wurden. Angesichts eines weggetretenen Rockstars, der beständig vor sich hinsummt und murmelt, scheint der Verdacht, auch hier habe die Improvisation die Überhand, bestätigt.
Ein Film als Zustands-Beschreibung
In langen Kamerafahrten verwöhnt Van Sant sein Publikum nicht gerade mit redseligen Charakteren, auch die Bandkollegen von Blake – darunter Lukas Haas („Breakfast of Champions“) – tapsen eher unwissend durch das Haus. Mal wird ein Vertreter der Gelben Seiten eingeladen, mal sind es junge Jesus-Jünger, die zu einem Gespräch auf die Couch geschleppt werden.
Dazwischen schiebt sich immer wieder ein der Welt entrückter Blake, der sich Frauenkleider anzieht, mit einem Gewehr hantiert und am Ende das historisch bekannte Ende erleidet, ohne jemals genau Gründe oder Motivation für seine Handlungsweise darzulegen.
Komposition voller Löcher
Gus Van Sant hat mit „Last Days“ nach dem existenzialistischen „Gerry“ und dem Drama „Elephant“, den dritten Film vorgelegt, in dem ihm der Schneideraum der liebste Freund zu sein scheint. Bild- und Ton-Kompositionen, in denen lange Kamerafahrten dominieren und die Absorption der Hauptfigur das oberste Motiv der Inszenierung ist. Die oft angesprochene Nähe zu Andy Warhols Werken aus den Sechziger Jahren kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich herrscht auch bei Van Sant ein Stillstand, der nie durchbrochen wird, sich aber der grundlegenden Essenz des Kinos verweigert: der Bewegung.
So bleibt am Ende vor allem Unverständnis. Szenen werden mit Unterbrechungen wieder gegeben und später nochmals – aufgefüllt mit den fehlenden Teilen – dem Publikum serviert. Die Auswahl der Szenen wirkt jedoch beliebig und lässt dennoch viele Fragen offen. Wo sind die beiden Frauen vom Beginn der Szene hin? Was hat Blake im Garten ausgegraben? Wo ist der Privatdetektiv hin verschwunden? Welche Rolle genau spielt die spekulativ eingeworfene Bi-Sexualität? Zumindest bietet „Last Days“ viel Stoff für Diskussionen und sei es, um die Machart zu hinterfragen.
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