„L.A. Crash" – Neu im Kino
Die amerikanische Metropole Los Angeles ist ein beliebter Schauplatz für auf Zelluloid gebannte zwischenmenschliche Beobachtungen. Von Robert Altmans „Short Cuts“ über Paul Thomas Andersons „Magnolia“ nun zu Paul Haggis und seinem Beitrag „L.A. Crash“.
Was bei den Vorgängern eine Vermengung grundlegender Themen wie Tod, Vergebung und Liebe war, bleibt bei Haggis eine Analyse des Schmelztiegels Los Angeles und dessen Verknüpfung der verschiedenen ethnischen Gruppierungen, die auch einen Anklang bei 9/11 finden.
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Bin ich ein Rassist?
Es sind Moment-Aufnahmen, die Autor und Regisseur Haggis – der zuletzt mit seinem Drehbuch für „Million Dollar Baby“ viel Lob erntete – auf den unvorbereiteten Zuseher einprasseln lässt. Eine Hand voll verschiedener Charaktere gibt sich in Episoden den alltäglichen Sorgen des gegenwärtigen Amerikas hin. Da überrascht es wenig, wenn ein aus dem Nahen Osten stammender Geschäftsmann keine Handfeuer-Waffe kaufen darf, denn der „ur-amerikanische“ Ladenbesitzer glaubt einen Terroristen vor sich zu haben.
Schnitt zur nächsten Episode. Die beiden jungen Afro-Amerikaner Peter (Larenz Tate – „Postman“) und Anthony (Rapper Ludacris) diskutieren über den Service in einem Lokal mit hauptsächlich weißen Gästen. Dabei beschwert sich Anthony lauthals über die vorherrschenden Vorurteile gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Schließlich könne ein junger Schwarzer nur ein Autodieb sein. Minuten später überfallen sie das Ehepaar Richard (Brendan Fraser – „Die Mumie“) und Jean Cabot (Sandra Bullock – „Miss Undercover“) und stehlen ihren Wagen. Es sind diese Wendungen innerhalb der Episoden, die den einzelnen Charakteren die Selbst-Reflexion aufzwingt. So stellt sich Jean die Frage, ob sie eine Rassistin ist, weil sie Angst hat?
Guter Bulle und böser Bulle
Überstrahlt werden die erstgenannten Konflikte vom Zusammenspiel der beiden Polizisten Hanson (Ryan Phillippe – „Igby“) und Ryan (Matt Dillon – „Herbie: Fully Loaded“). Der junge und idealistische Officer Hanson glaubt an der Seite seines erfahrenen Partners, sich dem gefährlichen Dschungel von L.A. ansprechend anzunähern.
Sein Partner Sergeant Ryan hat allerdings andere Ziele und interessiert sich vor allem für die schwarze Bevölkerung. Er sieht in jedem Afro-Amerikaner einen potentiellen Drogen-Dealer oder Mörder. Während auf der Oberfläche Ryans Verhalten wie das, eines dumpfen Rassisten wirkt, scheinen die Hintergründe tiefer zu greifen.
Konstruktion der Gefühle
Es gäbe noch mehr Charaktere und Episoden aufzuzählen. Jedes Drama ist ein fragiles Konstrukt, dessen Erfolg nicht nur von den überzeugenden Darsteller-Leistungen abhängt, sondern vor allem von den gekonnten Verbindungen der einzelnen Erzählstränge. Paul Haggis versucht „schnörkellos“ die Geschichten aneinander zu fügen und setzt dabei vor allem auf musikalische Unterstützung.
Dramatische Situationen verdichten sich dank des ansteigenden Geräusch-Pegels der Musik und lassen Schmerzens-Schreie oder Schüsse verstummen. Es gelingt Haggis so, tatsächlich den Zuseher in seine Welt hineinzuziehen, die überkonstruiert wirkt, jedoch durch den Anspruch der moralisch integeren Erzählung glaubt, einen Pluspunkt für sich zu verbuchen. Der Regisseur und Autor, genauso wie Produzent und Hauptdarsteller Don Cheadle („Hotel Ruanda“), erliegt dabei dem Glanz der überlebensgroßen Dramatik.
Der einstige Teenie-Star als Charakter-Darsteller
Die Wendungen sind innerhalb der erzählten Welt von gezwungener Logik und doch zu gewollt, um als Abbild einer realen Welt zu dienen. Die Charaktere erliegen zu vielen Klischees, doch vor allem der von Matt Dillon verkörperte rassistische Sergeant Ryan. Dieser mutiert später zum Helden und ist ein exemplarisches Beispiel für die Möglichkeit, die einem Schauspieler geboten wird. Während das Konstrukt „L.A. Crash“ an vielen Ecken und Enden krankt und oft mit Musik geradezu erschlagen wird, sind es die einzelnen Leistungen der Darsteller, die diesem prominent besetzten Ensemble-Drama ihren Stempel aufdrücken.
Momente der Erlösung sind im Los Angeles des Paul Haggis rar und nicht selten eine Laune des Schicksals, womit wir wieder bei einem anderen Episoden-Drama mit Handlungs-Schauplatz Los Angeles wären – „Magnolia“.
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