„Der Kaufmann von Venedig“ – Neu im Kino
„William Shakespeare. Schriftsteller, Engländer, tot.“ So umfasste Robin Williams als Literatur-Professor in „Der Club der toten Dichter“ die Faszination als auch die Probleme die wir „Alltags-Menschen“ mit diesem Klassiker haben.
Werbung
Liberalismus und Antisemitismus
Laut Al Pacino erleiden die meisten Menschen einen Hörsturz bei Vernehmen dieses Namens. Wir wollen nichts von ihm wissen. Richtig? Falsch! Zum ersten Mal wurde sein problematischstes Stück an Original-Schauplätzen verfilmt und der Beweis für die Zeitlosigkeit seiner Werke angetreten.
Es begab sich also um 1593, im Stadt-Staat Venedig, die Trennung von Christen und Juden. Zumindest nach Einbruch der Dunkelheit hatten Juden in einem verriegelten Ghetto zu leben und zum Zeichen ihrer Konfessions-Zugehörigkeit einen roten Hut zu tragen. Wohlgemerkt war Venedig zu dieser Zeit eine der liberalsten Gesellschaften Europas. Der venezianische Kaufmann Antonio (Jeremy Irons – „Dungeons & Dragons“) ist Christ und hat naturgemäß kein Problem mit dieser Regelung. Als jedoch eines Tages sein Busenfreund Bassanio (Joseph Fiennes – „Luther“) bei ihm vorstellig wird und ihn um ein Darlehen bittet, müssen sich beide zum Juden Shylock (Al Pacino – „Insomnia“) begeben, denn Geldleihe ist nur Juden gestattet. Schließlich verstößt diese gegen christliches Recht.
Venedig frönt der Fleisches-Lust
Widerwillig gibt Shylock das dreitausend Dukaten schwere Darlehen – unter der Bedingung, bei Säumigkeit Antonios als Gegenleistung ein Pfund seines Fleisches zu erlangen. Die beiden Kontrahenten gehen auf diesen ungewöhnlichen Handel ein und Bassanio kann derweil mit dem Darlehen um die Hand der schönen Portia (Lynn Collins – „30 über Nacht“) anhalten. Doch um erfolgreich zu sein muss er ein perfides Spiel gewinnen, das von keinem seiner Nebenbuhler gewonnen werden konnte. Während das Liebes-Werben in Belmont seinen Lauf nimmt, spitzen sich die Ereignisse in Venedig zu und Antonio und Shylock finden sich vor Gericht wieder: Der Jude besteht darauf, des Christen Fleisch zu erhalten.
Shakespeare war nicht immer ein Genie
Es gibt Werke des großen englischen Autors, die zu Recht weniger bekannt sind und kaum Erwähnung in den literatur-historischen Quellen finden. Wer erinnert sich zum Beispiel an „Titus Andronicus“ oder die dazu gehörige Verfilmung mit Anthony Hopkins? Auch Shakespeare schuf Theater-Stücke, die zwar unterhalten, ihm aber bei weitem nicht so sehr glückten wie „Richard III.“ oder eben „Hamlet“. So liegt denn auch die größte Hypothek für diese Verfilmung bei Shakespeare selbst. Denn obwohl „Der Kaufmann von Venedig“ als Komödie firmiert, hat es seine stärksten Momente im Drama. Das Verwirrspiel und liebliche Treiben rund um Portia und Bassanio lähmt die Geschichte förmlich und bezieht seinen humoristischen Reiz aus dem Oberflächlichen – womit wir bereits bei der viel gerühmten Verfilmung des Briten Michael Radford („Il Postino“) wären.
Sein größtes Anliegen war ihm eine originalgetreue Verfilmung, weshalb erstmals in Venedig gedreht wurde. Auch bei Kostümen und Ausstattung wurde kein Aufwand gescheut und es lässt sich ohne Bedenken die gelungene Atmosphäre des zu Ende gehenden 16. Jahrhunderts bestätigen. Doch Regisseur Radford hat dennoch Probleme, diese aufrecht zu erhalten. So hält er sich recht wörtlich an den genauen Verslaut und kann dennoch nicht verhindern, dass die Komödie einfallslos vor sich in dümpelt. Mit Schuld daran hat die recht bescheidene Leistung des ansonsten kostümerprobten Joseph Fiennes. Ihm gegenüber bietet Lynn Collins in ihrer ersten größeren Rolle eine ansprechende Darbietung, kann die komödiantischen Seite allerdings auch nicht weiter für den Zuseher beleben.
Ein grandioser Al Pacino als Rettung
Weshalb funktioniert „Der Kaufmann von Venedig“ dennoch als halbwegs akzeptabler Kinofilm? Schlicht und ergreifend wegen Al Pacino. Der Shakespeare-Liebhaber erkundete bereits in seiner Regie-Arbeit „Looking for Richard“ das Wesen des englischen Autors und seiner Werke und Pacino liefert einen dramatischen Shylock, wie er dem Urheber des Stückes wohl gefallen hätte. Kraftvoll, angefüllt mit Wut und Aggression treibt er die dramatischen Passagen voran und erschafft ein wunderbares Duell zwischen Jeremy Irons und ihm. Antisemitisch? Weniger. Viel eher eine Deutung von Fundamentalismus und Fanatismus, wie er auch heute noch zwischen Christen und Juden ausgeübt wird.
Link dazu ...
Externer Link Der Kaufmann von Venedig
Passend dazu …
Bilder Al Pacinos Karriere
Kommentar Filmriss: Die aktuellen Filmstarts der Woche
Bilder Bildergalerie: Al Pacino - Karriere im Bild
Filmriss andersrum: Kino-Blick in die Zukunft Teil 1
Filmriss andersrum: Kino-Blick in die Zukunft Teil 2
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Jänner bis März
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – April bis Juni
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Juli bis September
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Oktober bis Dezember
Filmrezensionen nachlesen ...
Kommentar Große Erwartungen: Die Dolmetscherin
Kommentar Müllhalde des Himmels: Dallas Pashamende
Des Westens größtes Verbrechen: Hotel Ruanda
Externer Link Der Film, in dem Eastwood weint: Million Dollar Baby
Sterben müssen wir allein: Hotel
Slim Fast fördert Psychosen: Der Maschinist
Kommentar Jaques Cousteau für Neurotiker: Die Tiefseetaucher mit Steve Zissou
Ein Schwamm, die Welt zu retten: Der SpongeBob Schwammkopf Film
Schürzenjäger auf Abwegen: Alfie
Dritter Anlauf für Sophie Scholl: Sophie Scholl - Die letzten Tage
Parcours der Peinlichkeiten: Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich
Colin Farrell ist Jungfrau: Ein Zuhause am Ende der Welt
Der Mann, der Peter Pan war: Wenn Träume fliegen lernen
Stille Meine Sehnsucht: Vom Suchen und Finden der Liebe
Mörderische Begierde: Die Brautjungfer
Verfluchter Amadeus: Der Wadenmesser
Dokumentarische Obszönitäten: Darwin’s Nightmare
Exzentrischer Überflieger: Aviator
Den Blues im Blut: Ray
Juden in Berlin: Alles auf Zucker!
Nach zwölf Minuten ist J-Lo tot: Jersey Girl
Non-Verbale Freundschaften: Kitchen Stories
Filmrezensionen nachlesen … 2004
Filmrezensionen nachlesen … 2003























