„Hotel Ruanda“ – Neu im Kino
2005 in Davos: Bill Clinton erklärt vor einer erstaunten und bewegten Politiker-Runde sein Versagen in Sachen Ruanda. Für viele ein bemerkenswertes Zeugnis des damaligen Präsidenten der USA, jedoch um elf Jahre und eine Million Menschen zu spät. Als in Ruanda der grauenvollste Genozid seit den Verbrechen der Nazis durchgeführt wurde, hatte die amerikanische Armee Angst vor einem zweiten Mogadischu. Dort erlebte die Weltpolizei nur ein Jahr zuvor die zerstörerische Kraft eines blutigen Bürgerkriegs. Damals beschlossen die USA und mit ihnen die UNO, nichts mehr mit dem afrikanischen Leid zu tun haben zu wollen.
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Aufruf zum Mord per Radio
Die ersten Worte werden über das Radio transportiert. Auf einer schwarzen Leinwand vernimmt der Zuseher/Zuhörer die aufhetzenden Worte eines Hutu, der aufgrund der Vereinfachung der Geschichte Ruandas seinen Hass auf die Tutsi erklärt. Ruanda ist ein Opfer der europäischen Kolonialpolitik und die einst bevorzugten Tutsi müssen nun in einem blutigen Bürgkrieg mit den Hutu um ihr Überleben kämpfen. Die Vereinten Nationen, kurz UNO, entsendet kleine Schutztruppen unter der Führung von Colonel Oliver (Nick Nolte – „Clean“) um den Frieden zu sichern. Doch von Beginn an wird klar, dieser Frieden ist äußerst brüchig.
Afrikas Oskar Schindler
Inmitten dieser beängstigenden Entwicklungen steht der Hotelmanager Paul Rusesabagina (Don Cheadle – „Traffic“) und seine Familie. Er muss mit ansehen, wie der mysteriöse Tod des Präsidenten Ruandas zur Eskalation der Ereignisse führt und wie die westlichen Supermächte sich nicht zu einer eindeutigen Deklaration durchringen können. Colonel Oliver steht den Ereignissen beinahe machtlos gegenüber, während Paul versucht, die Flüchtlinge in seinem schutzlosen Hotel vor den mit Macheten mordenden Hutu-Armeen zu beschützen. Langsam, aber sicher muss der einfache Mann Mut beweisen und Initiative zeigen, denn das UNO-Kontingent kann sich kaum selbst beschützen.
Ein Film gegen das Vergessen
Terry George, Produzent des irischen Dramas „Im Namen des Vaters“, ließ sich bei seinem Herzens-Projekt von niemand hinein reden. Das Budget stemmte er selbst und schaffte somit die Basis für eine unabhängige Produktion, die trotzdem allerhand Prominenz aufweisen kann. Neben einem ansprechend spielenden Nick Nolte sind auch Joaquin Phoenix („The Village“) als Reporter und Jean Reno („Léon – Der Profi“) als französischer Flugfirmen-Chef zu sehen. Die Leinwand gehört jedoch Hauptdarsteller Don Cheadle, der hier die bislang beste Leistung seiner Karriere liefert und vollkommen zu Recht für den diesjährigen Oscar nominiert wurde. Seine Darstellung des wirklich existierenden Paul Rusesabagina ist sehr wohl mit jener Liam Neesons in „Schindlers Liste“ zu vergleichen. Beides einfache Geschäftsmänner, die im Angesicht des Grauens ihre eigene Courage entdeckten.
So sehr „Hotel Ruanda“ von seinem Hauptdarsteller profitiert, so sehr leidet er an der Aussparung der tatsächlich stattgefundenen Gewalt. Scheinbar hat sich Regisseur George dann doch von der amerikanischen Zensur dazu hinreißen lassen, einen „leichter konsumierbaren“ Film zu kreieren. So bleibt die Sicht bei Rusesabagina und der Völkermord wird aus der Ferne beobachtet. Die grauenhaften Ereignisse, die etwa eine Million Menschen – Tutsi und gemäßigte Hutus wurden ermordet – das Leben kostete, wird nicht ins Bild gerückt. Dafür setzt George mehr auf emotionalisierte Bilder und melodramatische Szenen.
Somalia, Ruanda und Sudan
Doch gegen all diese Mängel steht der Anspruch, den Zuseher aufzurütteln, was „Hotel Ruanda“ auch vermag. Teilweise ergriffen werden die elf Jahre zurück liegenden Ereignisse wahrgenommen und sogleich die geistige Verbindung zum Sudan hergestellt. So wird „Hotel Ruanda“, allen erzählerischen und kommerziellen Kompromissen zum Trotz, sehr wohl seinen verdienten Platz in der Filmgeschichte einnehmen. Gegen das Vergessen.
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