„Die Brautjungfer“ – Neu im Kino
Claude Chabrol ist ein Name, der aus der französischen Filmgeschichte nicht wegzudenken wäre. Gemeinsam mit Filmemachern wie François Truffaut und Jean-Luc Godard gründete Chabrol gegen Ende der fünfziger Jahre die Nouvelle Vague. Sie trat dem in Konventionen erstarrten Hollywood als ungehorsames enfant terrible entgegen und sorgte für frischen Wind auf der Leinwand. Viele Jahre sind seither vergangen, doch was die verbliebenen Regisseure der Nouvelle Vague kennzeichnet, ist der unermüdliche Schaffensdrang, ihre ewige Liebe zum Kino. Dass dies wiederum nicht immer zu einem gelungenen Resultat führen muss, beweist unglücklicherweise Chabrols neuestes Werk.
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Ganz seinem Faible für Kriminalgeschichten treu, hat sich Altmeister Chabrol als Vorlage dem gleichnamigen Roman „Die Brautjungfer“ der britischen Bestseller-Autorin Ruth Rendell angenommen. Bereits 1995 hatte der Regisseur mit „Biester“ einen ihrer Romane verfilmt. Damals erschuf Chabrol mit psychologischem Feingefühl ein spannendes Seherlebnis. Seine jetzige Adaption „Die Brautjungfer“ stellt sich indessen als misslungen heraus. Dies mag zum Teil an dem Roman selbst liegen, da dieser nicht unbedingt als Meisterwerk Rendells gelten kann. Dennoch scheitert die filmische Interpretation hauptsächlich an ihrer eigenen Umsetzung. „Die Brautjungfer“ ist ein Film, der dem Namen Claude Chabrol keine Ehre erweist.
Eine verhängnisvolle Liebe ...
Philippe (Benoît Magimel – „Die Klavierspielerin“), ein stets adrett gekleideter junger Mann, führt mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern ein gewissenhaftes Leben in der französischen Provinz. Er beteiligt sich an den Kosten der Wohnungsmiete, betrachtet den neuen Freund der Mutter in Sorge um ihr Wohlergehen skeptisch und rügt die kleine Schwester, sofern sie zuviel raucht. In seiner Rolle als Vaterersatz leistet er gute Arbeit, er selbst jedoch nimmt sich in seinen Ansprüchen sehr zurück. Der einzig merkwürdige Charakterzug an ihm zeigt sich in der erotischen Zuneigung zu einer steinernen Büste, welche die Naturgöttin Flora darstellen soll. Bei der Hochzeit seiner älteren Schwester lernt Philippe – wie könnte es anders sein – die Brautjungfer des glücklichen Paars, Senta (Laura Smet), kennen. Von ihrer mystischen Aura unwiderstehlich angezogen hat Philippe nur noch Augen für Senta, die der Büste wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wider besseren Wissens begibt er sich in ein teuflisches Lügenspiel, das seinen Höhepunkt in einem Mord findet.
... ein verhängnisvoller Film
Im Grunde wäre der Stoff für einen Film von spannungsgeladenem Nervenkitzel ja gegeben. Aber Chabrol leistet sich dermaßen viele dramaturgische Schwächen, dass das ganze Unterfangen ihm selbst zum Verhängnis wird. Das gesamte Geschehen wirkt so künstlich konstruiert, dass Ereignisse oft schon mehrere Szenen zuvor absehbar sind. Somit kommt jedwede Spannung zum erliegen und stattdessen entsteht ein Gefühl von Langatmigkeit. Dem guten Ruf, ein französisches Pendant zu Hitchcock zu sein, wird Chabrol mit solch einer Darbietung nicht im Geringsten gerecht. Insbesondere lassen die Dialoge zu wünschen übrig. Dem Regisseur und Drehbuchautor scheint das Gespür für authentische Gesprächs-Situationen abhanden gekommen zu sein. Darunter haben wiederum die Darsteller zu leiden. Einfältig dramatische Sätze wie „Unsere Liebe ist stärker als alles andere“ oder „Du bist der Auserwählte, auf den ich schon mein Leben lang gewartet habe“ verhelfen Laura Smet auch nicht gerade zu Glanz in ihrem Debüt als geheimnisvolle Senta. Ebenso wenig bietet die Figur des verblendeten Phillippe für Benoît Magimel eine Möglichkeit, sein herausragendes Talent zur Geltung zu bringen.
Die Frage nach dem Liebesbeweis – Baum oder Mord
Ungefähr in der Mitte des Films zählt Senta dem liebestollen Philippe vier Tätigkeiten auf, die sie zu ultimativen Beweisen seiner Liebe erklärt: einen Baum pflanzen, ein Gedicht schreiben, gleichgeschlechtliche Liebe, jemanden töten. Sogleich steht Mord als Liebesbeweis fest. Beim Zuseher stellen sich hingegen immer mehr Fragen ein. Warum sollte jemand als Beweis seiner Liebe einen Mord begehen? Warum muss es Mord sein, da doch drei andere Möglichkeiten zur Auswahl stehen? Langsam nimmt die Nachvollziehbarkeit ab. Er täuscht unglaubwürdig einen Mord vor, sie begeht tatsächlich einen. Wenn Philippe schließlich „Sie ist verrückt!“ ausruft, um ihr sogleich einen Heiratsantrag zu machen, hat man alle Fragen über Bord geworfen und ist am Nullpunkt von Identifikation angelangt. Als ob es noch nicht zu spät dafür wäre, beginnt die Spannung zu steigen. Jedoch reißt diese ohnehin durch ein abruptes Ende brutal ab. Die Polizei steht gerade erst an der Tür, da schwört Philippe eilig „Ich werde dich niemals verlassen“ und schon erscheint die steinerne Büste als letzte Einstellung für den Abspann. Das Abbild der Flora bestätigt endgültig den letzten Eindruck: Vielleicht hätte Chabrol als Liebesbeweis für das Kino dieses Mal lieber einen Baum pflanzen sollen.
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