„Darwin’s Nightmare“ – Neu im Kino
Der ostafrikanische Staat Tansania hat einen der größten und schönsten Seen der Welt mit einer ebenso ausgeprägten wie sensiblen Flora und Fauna. Ein ausbalanciertes, natürliches Gleichgewicht, das durch ein kleines biologisches Experiment nachhaltig gestört wurde. Ein Mann, ein Eimer, ein unscheinbarer Nachmittag und der Nilbarsch ward von der britischen Kolonialregierung frei gesetzt. Die ökologische Tragödie nahm ihren Lauf.
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Fische, Firmen und Familien-Elend
An den Ufern des tropischen Sees haben sich etliche Firmen angesiedelt, die von dem angesprochenen Experiment profitieren. Jeder Arbeitsplatz in dieser Region hat mit dem Nilbarsch zu tun. Die zuvor blühende Fisch-Landschaft des Viktoria-Sees ist zerstört, doch dies stört offenbar nur wenige Journalisten und Umwelt-Experten. Die Menschen in diesem Land haben andere Sorgen. Vor allem die Erhaltung ihres Arbeitsplatzes, denn obwohl täglich Tonnen an Nilbarsch-Filets nach Europa exportiert werden, ist Armut ein unübersehbares Merkmal der hier lebenden Bevölkerung. Verhungernde Straßenkinder vegetieren elternlos vor sich hin und verwitwete Frauen begeben sich in die Fänge der Prostitution um überleben zu können.
Fische nach Europa, Waffen nach Afrika
Auf den Spuren heimischer „Barmädchen“ und ukrainischer Fracht-Piloten versucht Hubert Sauper den Kreis der ewigen Tragödie Afrikas aufzuzeigen. Obgleich sein Blick vor allem vom Fischfang geprägt ist, schweift er immer wieder zu anderen gesellschaftlichen Missständen ab. Während die Europäische Union auf einer Presse-Konferenz den Ausbau der Infrastruktur feiert, schlagen sich im Hintergrund kleine Kinder um eine Handvoll Reis. Während Firmen-Inhaber von den großartigen Möglichkeiten der Fisch-Industrie Tansanias schwafeln, droht eine Hungersnot im Herzen des Landes. Die illegalen Waffen-Importe der russischen Flieger, bei Export der Fisch-Filets, erscheint in diesem Licht nur mehr als das Tüpfelchen auf dem i.
Eindringlich und aufdringlich
Gefeiert von der internationalen Kritik gelingt es Sauper in der Tat manch engagiertes Bild und manch aufwühlendes Interview zu führen. Die offen zur Schau gestellte Macht der Wirtschaft und die damit scheinbar zwangsläufig verbundene Kriegs-Maschinerie könnten sich überall auf dieser Welt wieder zutragen. Ob Tansania, Venezuela oder Tschetschenien. Im Grunde dient „Darwin’s Nightmare“, in seinen besten Momenten, dazu, dem Menschen einen Spiegel vor seine zivilisierte Welt zu halten.
Genau dieser Spiegel wird Sauper allerdings auch zum Verhängnis. So verliert er mit zunehmender Spielzeit seiner Dokumentation sein eigentliches Thema aus den Augen und führt mit voyeuristischer Freude madenzerfressene Fischkadaver oder prügelnde und Klebstoff schnüffelnde Kinder vor. Interviews mit Prostituierten und Freiern gehören da noch zu den harmlosen Mätzchen des Regisseurs. Dennoch verliert er zunehmend die Kontrolle und erweitert sein eigentliches Grundthema unnütz. Die tatsächlich aufwühlenden Missstände und die heuchlerische Ausbeutung des Kontinents durch die europäische Gesellschaft werden mehr und mehr durch Sozial-Pornographie in den Hintergrund gerückt. Vielleicht hätte es Hubert Sauper gut getan, sich mehr den ökologischen Aspekten zu widmen, als sich zu einem Gesellschafts-Porträt eines zerrütteten Landes hinreißen zu lassen. Den hochgesteckten Ambitionen und Festival-Preisen zum Trotz ist „Darwin’s Nightmare“ ebenso gescheitert wie die humanitäre Hilfe für Afrika.
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