„Aviator“ – Neu im Kino
Gegen Ende seines Lebens gab es keine aktuelle Fotografie mehr von Howard Hughes. Ähnlich wie Marlene Dietrich verschanzte er sich in seinem Anwesen, abgeschottet von der Außenwelt, sein Firmen-Imperium per Telefon leitend. Während die Dietrich der Öffentlichkeit ihren Alterungs-Prozess vorenthalten wollte, war Hughes davon überzeugt, stets überwacht und verfolgt zu werden. Ein Verfolgungswahn, der die amerikanische Medien-Gesellschaft bis heute nicht loslässt.
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Quarantäne mitten in Hollywood
Es beginnt mit einem flüchtigen Moment. Als Kind wird Howard von seiner Mutter gewaschen, mit einer schwarzen Seife. In Folge des Bads muss er das Wort Quarantäne buchstabieren. Diese Szene und die schwarze Seife werden Hughes sein Leben lang begleiten. Der darauf folgende Sprung in das Jahr 1927 führt mitten in sein erstes waghalsiges Projekt. Die Dreharbeiten des ausufernden Fliegerfilmes „Hell’s Angels“. Der überraschende Erfolg, den der Film dem Zuseher weiß machen will, gereicht zur ersten Parade von Gaststars. Ob No Doubt-Sängerin Gwen Stefani als Jean Harlow oder Jude Law („Closer“) als Errol Flynn, alle tanzen sie an, um die dreistündige Biografie von Martin Scorsese zu feiern. Ganz wie im richtigen Leben die einstigen Stars Hughes huldigten.
Von Katherine Hepburn und Rivalitäten in der Luft
Eines der wichtigsten Kapitel nimmt allerdings die Liebe im Leben Hughes’ ein. So konzentriert sich diese sowohl auf etliche Hollywood-Darstellerinnen wie Ava Gardner (Kate Beckinsale – „Underworld“) oder Katherine Hepburn (Cate Blanchett – „Elizabeth“) und noch viel mehr auf die Aeronautik. Die Konstruktion diverser Flugapparate im Auftrag der US-amerikanischen Regierung führt mitten hinein in das eigenwillige Geschäftsgebaren Howard Hughes’ sowie die Jahrzehntelange Rivalität mit der Fluggesellschaft PanAm und dessen Vorsitzenden Juan Trippe (Alec Baldwin – „ … und dann kam Polly“). Am Ende des Films stehen sowohl ein bitterer Triumph über die Luftfahrt als auch ein verlorener Kampf gegen seine eigenen Dämonen.
Altersloses Amerika
Mit „Gangs of New York“ eröffnete Martin Scorsese eine neue Ära in seiner Karriere: Die Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio. Allen Unkenrufen zum Trotz scheint sich diese Kombination doch noch zu bewähren. Die souveräne, führende Hand des Regie-Veteranen war anscheinend nötig, um aus dem billigen Klatschspalten-Clown DiCaprio wieder einen ernsthaften Schauspieler zu machen. In der dreistündigen Biografie „Aviator“ liefern beide alles, was für einen Oscar-Triumph nötig ist. Die bewegte Lebens-Geschichte von Hughes bietet DiCaprio die Möglichkeit, sich des Öfteren von seiner uneitlen Seite zu zeigen und auch die eine oder andere Neurose auszuleben, während Scorsese seine Inszenierung in die güldenen Farbtöne der späten Zwanziger taucht.
Doch damit hat Scorsese seinem Film einen Schleier übergehangen, den er nicht gewillt ist später wieder zu lüften. Ein Prozess der Alterslosigkeit macht sich breit. Jede einzelne Figur altert im Laufe der dargestellten 23 Jahre keinen einzigen Tag. Selbst DiCaprios Howard Hughes wird nur durch entstellte Narben seinem kindlichen Äußeren beraubt. Als Stilmittel gereicht dieser Umstand dennoch nicht. Eine Welt, die sich mit dem ersten Weltkrieg, der Wirtschaftskrise und den Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges auseinander zu setzen hatte und in ungeheurem Ausmaß veränderte, zieht gegenstandslos an Scorseses „Aviator“ vorbei. Die Tagespolitik gereicht zum Stichwortgeber. Dies mag einerseits schlüssig erscheinen, aufgrund der Abschottung Hughes’ von der Außenwelt, erklärt allerdings nicht die unveränderte geschäftliche Umwelt, in die auch seine Mitarbeiter involviert sind.
And the Oscar goes to...
Zusammengefasst ist „Aviator“ Scorseses glanzvoller Versuch, endlich seinen Oscar abzuholen. Es wird ihm mit diesem zwiespältigen und doch unterhaltsamen Biopic gelingen. Das Aufgebot an Gaststars ist ebenso unsinnig wie unerlässlich, die Darstellung DiCaprios ist ebenso tiefgründig wie oberflächlich. Das Gesamtprodukt pendelt, wie die musikalische Komposition, stets zwischen klassischer Tragödie und den kitschigen Zwanziger Jahren. Einzig Cate Blanchett weiß aus den „typischen“ Oscar-Kandidaten herauszuragen, mit ihrer geradezu entfesselten Darstellung der großen Hollywood-Diva Katherine Hepburn. So ist „Aviator“ ein sicherer Oscar-Tipp, im positiven wie im negativen Sinn. Eine berauschende, Fakten verdrehende, nicht zu tiefgründige aber auch nicht zu oberflächliche Biografie.
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