„Wenn Träume fliegen lernen“ – Neu im Kino
Der fantasievolle und kinderliebende Theaterautor J.M. Barrie (Johnny Depp) hat mit mangelndem Erfolg zu kämpfen. Wir schreiben das Jahr 1903 und sein jüngstes Stück ist beim vornehmen Theater-Publikum durchgefallen. Von seinem Förderer, Theater-Impressario Charles Frohmann (Dustin Hoffmann – „Wag the Dog“), noch immer mit Zuspruch bedacht ist sich Barrie allerdings im Klaren über sein kreatives Dilemma, doch eine Erleuchtung will sich einfach nicht einstellen.
Werbung
Trostloses Heim, Glück allein
Bei einem seiner üblichen Nachmittags-Spaziergänge im Park trifft er auf die verwitwete Sylvia Davies (Kate Winslet – Oscar-nominiert für „Vergiss mein nicht!“) und ihre vier Söhne. Angespornt von der überbordenden Fantasie der vaterlosen Jungs beginnt er sich mit Spielchen und Geschichten in das Herz der Kinder zu spielen. Einzig und allein Peter (Freddie Highmore – demnächst wieder an der Seite von Johnny Depp in „Charlie and the Chocolate Factory“) bleibt verbittert und ernst zurück und weist Barrie ab. Wieder zu Hause in seiner emotional erkalteten Ehe mit seiner Frau Mary (Radha Mitchell – „Nicht auflegen“) flüchtet er sich in das getrennte Schlafzimmer und Nimmerland.
Jungs sollten nie zu Bett gebracht werden, sie wachen nur einen Tag älter auf
So flüchtet sich Barrie regelrecht in die verwaiste Familie der Davies, sehr zur Freude von Sylvia und ihrer Söhne. Mit Hilfe der Fantasie des begabten Autors verwandelt sich der heimatliche Garten in eine Westernstadt und ein Baum in den Mast eines Piraten-Schiffes. Selbst vor alberner Indianer-Kostümierung schreckt er nicht zurück um das Leben der vier Jungs zu verschönern und handelt sich damit allerlei Gerüchte ein. Selbst die gestrenge Mutter von Sylvia, Mrs. Emma (Julie Christie – „Troja“), ist sich nicht im Klaren welche Motive die Besuche von Mr. Barrie haben. Als seien die ungeheuerlichen Anschuldigungen nicht genug, schlägt das Schicksal nochmals zu und droht das wieder erwachte kindliche Gemüt von Peter und die gesamte Familie zu zerstören.
Der schmale Grat der Emotionen
Sir James Matthew Barrie hat so nebenbei übrigens auch noch das Theaterstück „Peter Pan“ geschrieben und mit diesem fantasievollen Werk die Theaterlandschaft revolutioniert. Die eigentliche Grundgeschichte des Films, auch wenn der deutsche Verleihtitel von „Finding Neverland“ zum kitschigen „Wenn Träume fliegen lernen“ umfunktioniert wird, sollte dem Rechnung tragen.
Dabei hat dieser Film weit mehr zu bieten als Sentiment auf Rosamunde Pilcher-Niveau. Der junge Regisseur Marc Forster hat bereits mit „Monster’s Ball“ sein handwerkliches Geschick und seine Fähigkeit auf der so genannten Klaviatur der Gefühle zu spielen unter Beweis gestellt. Als ob dieser hochgeladene Film über Liebe, Rassismus und Vergebung nicht genug gewesen wäre, widmet er sich auch in „Finding Neverland“ – der englische Titel wird nun aus Respekt zu diesem bemerkenswerten Film verwendet – der menschlichen Gefühlswelt. So ist für Forster der Entstehungs-Prozess von „Peter Pan“ einzig und allein vom kindlichen Gemüt Barries und den schicksalhaften Wochen im Leben der Familie Davies geprägt. Bei aller Emotion vergisst Forster nicht im richtigen Moment den Tränenkanal abzustellen, wenngleich ihm dies gegen Ende des Films nicht mehr so ganz gelingen mag. Nimmerland wird näher gebracht und als eine innere Welt rekonstruiert, die jeder in sich tragen kann, wenn er nur den Glauben daran hat.
Eine darstellerische Augenweide – ohne Ausnahme
Diesen Glauben zu erschaffen verdankt Forster auch der exzellenten Arbeit seiner Darsteller. Dustin Hoffmann setzt die sarkastisch, humorvollen Noten und gefällt sich sichtlich in der „veredelten“ Nebenrolle. Ebenso wirft sich Julie Christie ins Zeug um als biestige Großmutter die Vorlage für Kapitän Hook abzuliefern. Doch diese beiden Leinwand-Legenden drohen gegen die höchst talentierten Kinder-Darsteller und das atemberaubende Paar Depp und Winslet zu verblassen. Vor allem Johnny Depp bietet als schottischer Autor eine ganz große Leistung in seiner Karriere und spielt sich in greifbare Oscarnähe.
Auch wenn Forster gegen Ende hin den emotionalen Bogen ein wenig zu weit spannt ist „Finding Neverland“ ein Beispiel großer Hollywood-Kunst. Ausgewählt schöne Bilder, ein hervorragendes Darstellerteam und eine berührende Geschichte mit wahrem Hintergrund lassen diesen Film zu Recht als Oscar-Kandidat erstrahlen.
Link dazu ...
Externer Link Wenn Träume fliegen lernen
Passend dazu ...
Filmriss: Die aktuellen Filmstarts der Woche
Filmriss andersrum: Kino-Blick in die Zukunft Teil 1
Filmriss andersrum: Kino-Blick in die Zukunft Teil 2
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Jänner bis März
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – April bis Juni
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Juli bis September
Filmriss andersrum: Kinojahr 2004 im Rückblick – Oktober bis Dezember
Filmrezensionen nachlesen ...
Colin Farrell ist Jungfrau: Ein Zuhause am Ende der Welt
Stille Meine Sehnsucht: Vom Suchen und Finden der Liebe
Mörderische Begierde: Die Brautjungfer
Verfluchter Amadeus: Der Wadenmesser
Dokumentarische Obszönitäten: Darwin’s Nightmare
Exzentrischer Überflieger: Aviator
Den Blues im Blut: Ray
Juden in Berlin: Alles auf Zucker!
Nach zwölf Minuten ist J-Lo tot: Jersey Girl
Non-Verbale Freundschaften: Kitchen Stories
Filmrezensionen nachlesen … 2004
Filmrezensionen nachlesen … 2003