„Das Phantom der Oper“ – Neu im Kino
Das beginnende 20. Jahrhundert wirft in gediegenen Schwarz-Weiß Bildern seinen Schatten zurück. Als riesige Rückblende angelegt, ganz im Geiste der „Titanic“, erzählt „Das Phantom der Oper“ vom Aufstieg einer talentierten, aber einfachen Sängerin zur Operndiva. Was als Musical weltweit für Aufsehen und Millionen-Gewinne sorgte, hat als Film so manche Hürde vor sich. Dabei steht Andrew Lloyd Webber des Öfteren hinderlich im Weg.
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Operndiven und Masken-Männer
Die Übernahme der Pariser Oper durch den Vicomte Raoul (Patrick Wilson) führt zu mancher Umgestaltung im Programm. Dabei sieht sich nicht nur der italienische Star des Hauses, Carlotta (Minnie Driver – „Good Will Hunting“) bedroht, auch das berüchtigte Phantom fordert seinen Platz in seinem Haus. Finanzielle wie künstlerische Unterstützung empfindet er als obsolet. Seinen Vorschlägen ist zu gehorchen, denn er kennt diese Oper besser als jeder andere. Zunächst bleibt er aber im Hintergrund. Sein Plan sieht die Förderung der jungen Christine (Emmy Rossum – „The Day After Tomorrow“) vor. Nach dem Abtritt von Carlotta kommt er diesem ersten Ziel nahe. Dabei ist es nur ein Teilstück seines Planes, der die Eroberung des Herzens der schönen Frau vorsieht. Doch da hat das namenlose Phantom die Rechnung ohne Raoul gemacht. Schließlich kennen sich der Adelige und der neue Opernstar seit ihrer Kindheit. Schicksalhaftes bahnt sich seinen Weg.
Gesangsduelle im Kunstschnee
Erste Entführungen in die dunklen Katakomben des Phantoms, das erstmals sein Gesicht zeigt. Der Schotte Gerard Butler darf der berühmtesten aller Musical-Figuren sein halbes Gesicht leihen, nachdem er in „Tomb Raider 2: Die Wiege des Lebens“ an der Seite von Angelina Jolie sein Talent beweisen durfte. Unter der Regie von Joel Schumacher („Batman & Robin“) wird die Verknüpfung von Christine und dem Phantom durch endlose Balladen zu Stande gebracht. Die Weiterentwicklung der Geschichte erfolgt nach gewohntem Muster. Der Roman des Franzosen Gaston Leroux wird dabei höflichst außer Acht gelassen und Webbers Musical-Bearbeitung in aufwändiger Ausstattung Tribut gezollt. Hintergründe und Rachepläne der einzelnen Figuren treten langsam zu Tage. Das pompös inszenierte Ende der gigantischen Rückblende stellt die letzte Identifikations-Basis dar. Dass dabei das Beziehungsdreieck Raoul, Christine und Phantom unterzugehen droht, ist einer von vielen Punkten, die die Verfilmung scheitern lassen.
Endlose Gesänge, plakative Gefühle
Die durchschlagenden Erfolge von „Moulin Rouge“ und „Chicago“ basierten auf den verschiedenen Zugängen. Nicole Kidman und Ewan McGregor durften in einem fiktiv verschönerten Paris zwischen Dialog- und Musikzeilen hin und her pendeln. Selbst in den kitschigsten Liebesballaden schwang immer ein spielerischer, ironischer Hauch mit. „Chicago“ errang seine Oscars durch die bewusste Spaltung von Realität und überhöhter Show-Welt. Die unmoralische Welt des Glamours ermöglichte die Handlung vorantreibende Einlagen. „Das Phantom der Oper“ beweist, was in einer Musical-Verfilmung alles schief laufen kann. Ein enormer Ausstattungs-Aufwand, recht unbekannte Gesichter, bis zur Perfektion abgemischte Balladen, die so klinisch rein klingen wie die Maske des Phantoms aussieht. Obwohl dieser seit Jahrzehnten im Kanaldreck leben muss.
Seit den Neunziger Jahren kämpfte Hollywood regelrecht um die Verfilmung des Webber’schen Opus Magnum und verbrauchte dabei ebenso viele Regisseure wie Darsteller. Im Endeffekt sollte zwar Joel Schumacher das Regiezepter übernehmen, doch im Hintergrund gab Produzent Webber die Anweisungen. Ein Umstand, der zum langwierigsten und peinlichsten Oscar-Kandidaten des Jahres führte. Austauschbare Schauspieler mit gleich klingenden Stimmchen versinken in einem modernisierten Operetten-Schwulst. Wenn die bekannte Kennmelodie mit frisierter Techno-Attitüde den Zuseher in die künstliche Welt des Musicals entführen will, fließen diesem die ersten Schauer über den Rücken. Im Gegensatz zur bewussten Künstlichkeit anderer Genrearbeiten ist „Das Phantom der Oper“ Ausdruck der Hoffnungslosigkeit. Ein gigantisch ausgestatteter Film ergibt sich der Obhut seines eigentlichen Schöpfers und verliert die filmische Vision vollkommen aus den Augen. Am Ende sind nicht nur die Schauspieler austauschbar, sondern auch der Regisseur und seine eigentlichen Intentionen.
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