„Die fetten Jahre sind vorbei" – Neu im Kino
Etwas ist faul in unserer kapitalistisch orientierten Gesellschaft, wenn idealistische Personen von der Polizei in Gewahrsam genommen werden, aufgrund ihres Engagements gegen Kinderarbeit. Es herrschen die Konzerne, es ist eine Welt der reichen Geschäftsbosse. In der Münchner Innenstadt filmte das Team rund um Hans Weingartner die Verhaftung zweier jugendlicher Demonstranten, mittels Digitalkamera. Die Szene wirkte dermaßen echt, dass Passanten keine Filmcrew bei der Arbeit wähnten, sondern einen Akt repressiver Staatsgewalt und selbst eingriffen.
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Angst ist eine geile Droge
Genau hierauf baut „Die fetten Jahre sind vorbei“ auf, auf der Mobilisierung brach liegender Emotionen. Der aggressiv wirkende Jan (Daniel Brühl – „Good Bye, Lenin“) und sein bester Freund Peter (Stipe Erceg – „Yugotrip“) sind „Die Erziehungs-Berechtigten“. Wenn reiche Familien in ihre Herrenhäuser zurückkehren, entdecken sie, dass ihr Ideal einer sicheren Welt gestört wurde. Umgestellte Möbel, Stereoanlagen im Kühlschrank und Nachrichten mit warnenden Hinweisen. Peters Freundin Jule (Julia Jentsch – „Mein Bruder, der Vampir“) möchte sich ebenfalls engagieren, doch dies beschränkt sich auf wirkungslose Demonstrationen. Ihr Leben ist bestimmt von Schulden und der ständigen Konfrontation mit der „besseren“ Gesellschafts-Schicht, in ihrem Job als Kellnerin. Eines Abends entdeckt allerdings auch sie den Reiz daran, eine „Erziehungs-Berechtigte“ zu sein.
Bittere Wahrheiten treten zu Tage
Die Lektion, die dem Manager Hardenberg (Burghart Klaußner – „Crazy“) erteilt werden soll, wird zur Katastrophe. Unvermittelt stehen die drei inmitten einer Entführung und leben als skurrile „Entführer und Entführter“-WG zusammen in einem Berghaus im Inntal. Der zweite Teil von Weingartners zweitem Spielfilm kann hiermit beginnen. Immer mehr erfahren die Entführer von ihrem Opfer. Die Vorstellung einer idealistischen Vergangenheit will sich jedoch nur langsam in den Köpfen von Jan, Jule und Peter festsetzen. Vor allem, da diese mit einem Problem privater Natur konfrontiert sind. Die Auflösung der unfreiwilligen Entführung erscheint schon bald immer komplizierter, vor allem weil Kapitalist Hardenberg offenbar auch nur ein Mann mit Familie zu sein scheint.
Dies ist eine Revolution des Verstandes
Laut eigenen Worten wollte Regisseur und Drehbuchautor Weingartner mit diesem Film einen Teil seines Lebens reflektieren. Die Nichtexistenz einer Jugend-Organisation im Stil der „Erziehungs-Berechtigten“ bewog ihn zur Konzeption dieser Geschichte. Dabei blieb er sich seines Stils treu. Schon bei „das weiße rauschen“ – ebenfalls mit Daniel Brühl in der Hauptrolle – teilte er die komplexe Geschichte in zwei Teile auf. Wie schon bei seinem ersten Werk ist auch hier der Übergang beziehungsweise die Verflechtung der beiden Erzählwelten ein Problem. Doch bei „Die fetten Jahre sind vorbei“ schafft er es mühelos den Zuseher von der monotonen Großstadt in das grell erscheinende Naturbild zu lenken.
Das erste offene Gespräch der Revolutionäre mit Hardenberg offenbart des Filmes wahren Kern. Welche Motive treiben idealistische Menschen? Wie ist finanzieller Erfolg zu rechtfertigen? Darf es einen Verrat der Ideale geben? So mag dies vielleicht ein wenig plakativ und zu moralisch erscheinen, doch konterkarikiert Weingartner diese Szenerie mit viel Humor und der skurrilen Gruppendynamik die sich zwischen den vier Figuren aufbaut. Die ökonomische Rücknahme mittels Digitaltechnik zu drehen, erweist sich ebenfalls als Glücksgriff. David Fincher forderte in „Fight Club“ die Konsum-Gesellschaft mit visueller Kraft heraus, Weingartners Sujet wird in naturelle Farben getaucht, während die Musik-Untermalung stellenweise zu großzügig ausfällt. Die Charaktere kommen dem Publikum näher und es nimmt unvermittelt Anteil am Schicksal der „RAF des 21. Jahrhunderts“, wie auch an jenem von Hardenberg. Die wahre Stärke des vielschichtigen Werkes von Hans Weingartner ist Fragen zu stellen, die der Zuseher selbst beantworten darf.
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