„Der Polarexpress" – Neu im Kino
Tom Hanks ist ein talentierter Schauspieler und zweifacher Oscar-Preisträger. Einen davon verdankt er Robert Zemeckis. Gemeinsam landeten sie mit „Forrest Gump“ ihren jeweils größten Erfolg. Jetzt scheint ein finanzieller Hit wieder in greifbarer Nähe, selbst wenn dieses Projekt nur an einem einzigen Tag im Jahr ohne Kopfschmerzen und von Kindern bis sechs Jahren konsumiert werden kann.
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Schizophrener Hanks
An einem verschneiten Weihnachtsabend liegt ein kleiner Junge in seinem Bett. Kurz vor Mitternacht wird er durch starke Vibrationen aus dem Bett geworfen. Seine Enttäuschung über den Verlust des Glaubens an Santa Claus wird wieder um 180 Grad gewendet. Eine riesige schwarze Lokomotive steht vor dem Haus und der Zugschaffner eröffnet dem erstaunten Buben, dass er sich vor dem sagenumwobenen Polarexpress befindet. Selbstverständlich tritt er die Reise zum Nordpol mit an und kann seinen Glauben an Weihnachten von Neuem beleben. Auf der Reise zur Werkstätte von Santa Claus umschwirren die Figuren etliche Szenerien. Die Stärke des Polarexpress ist seine Optik. Die Schwäche ist Tom Hanks. Alle zuvor genannten Figuren werden von ihm gesprochen. Ob Schaffner, Vagabund, Weihnachtsmann oder der kleine Junge, die Hauptfigur des Films.
Technik ersetzt Gefühle
Am Nordpol wird die visuelle Kraft von Zemeckis’ neuestem Werk offen zur Schau getragen. Während der Zuseher sich immer noch an die vielen Inkarnationen Hanks’scher Stimmvariation gewöhnen muss, wird ein Bild nach dem anderen auf die Leinwand geworfen. Dabei genügt dem Regisseur und Produzenten nicht das Verharren in neuester Animations-Technik. Action-Sequenzen sollen den Sog erzeugen, der von der Geschichte nicht vermittelt wird. Das Schicksal des kleinen Jungen und der anderen Kinder wird mit Fortdauer des Films immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Was zählt ist die Technik. Dabei wird eines offensichtlich. Die Erfolge von „Shrek“ oder „Findet Nemo“ haben zu einem großen Teil mit dem weitgehenden Verzicht auf menschliche Figuren zu tun. Die vermenschelte Märchen- oder Tierwelt in den Werken von „DreamWorks“ oder „Pixar“ offenbart das größte Manko aktueller Animationsfilme.
Erfindungsgeist gegen inhaltliche Kreativität
Mittels eines neuen Motion-Capturing-Verfahrens war es möglich, Tom Hanks die Gestaltung beinahe aller Rollen zu überlassen. Somit schafft es der „Polarexpress“, nach „Toy Story“ am nächsten technischen Evolutions-Sprung der Filmgeschichte beteiligt zu sein. Traurigerweise hält sich der Fortschritt diesmal in Grenzen. Wer seinen Spaß daran hat, dass menschliche Animationsfiguren verkitscht dem Zuseher näher gebracht werden können, bitte. Dabei wäre mit „Final Fantasy“ die Technik schon längst vorhanden und um einiges ausgereifter. „Der Polarexpress“ ist ein gescheitertes Experiment. Ein Film, der einen seltenen Schritt rückwärts darstellt. Technisch wird eine Neuentwicklung propagiert, die bereits in ihrer Grund-Konzeption veraltet ist. Inhaltlich wird ein Kinderbuch-Erfolg aus dem Jahr 1985 aufgelegt und ein pick-süßes Märchen erzeugt. Im Kosmos des populären Studio-Systems ist dies offenbar noch immer ein Ass im Ärmel jedes verzweifelten Produzenten. Die Hoffnung liegt in Außenseiter-Werken, die ihre Identität nicht an den technischen Fortschritt oder das Produktionsbudget verkauft haben.
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