Neu im Kino: „Reise des jungen Ché – The Motorcycle Diaries“
Walter Salles ist Brasilianer und Regisseur des Oscar-nominierten Dramas „Central do Brasil“. Kein Wunder, dass er für die Verfilmung der Bücher von Guevara und dessen Jugendfreund Alberto Granado herangezogen wurde. Nicht weniger als die Entmystifizierung einer Ikone war die Grundlage des Projektes. Mit dem mexikanischen Jungstar Gael García Bernal („Amores perros“, „La Mala educacíon“) schien aber eher ein breitenwirksamer Kassenschlager vorbereitet zu werden.
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Beginn der Reise: Argentinien und Chile
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf verfolgt der Zuseher die Vorbereitungen sowie die ersten Reiseziele der beiden „Vagabunden“. Oberflächlich gesehen könnte der Kontrast zwischen Alberto (Rodrigo de la Serna) und Ernesto nicht größer sein. Ernesto ist ein naiver Schönling, der von der Welt noch nicht viel gesehen hat und dessen brutale Ehrlichkeit nicht immer förderlich ist. Der Lebemann Alberto hat sich hingegen mit den Gegebenheiten arrangiert. Er genießt das Leben, wie es ihm möglich ist. Der Fleischeslust frönt er dabei ebenso wie den kulinarischen Genüssen. Ihre Reise ist allerdings auch von vielen Rückschlägen gezeichnet. Trotz der Hilfsbereitschaft der einfachen Leute, verlieren die beiden ihren eigentlichen Reiseplan immer mehr aus den Augen. Die Begegnung mit Dorfschönheiten bleibt dabei auch nicht immer folgenlos. Mancher Hitzkopf will dem Charme von Ernesto und Alberto nicht einfach nachgeben.
Ende des Müßiggangs: Armut in Südamerika
Durch allerlei Schwindeleien als Lepraikonen gefeiert, ziehen die beiden Gefährten bald ohne ihr treues Motorrad, „die Allerheiligste“, durch die Lande. Zu Fuß oder per Anhalter durchqueren sie weiter den Kontinent und erkennen immer mehr die Armut, welche hier herrscht. Speziell in Ernestos Herzen schüren diese Eindrücke große Wut. Das Elend der Indios, entmachtet und vertrieben, sowie die Beraubung und Perversion der kulturellen Wurzeln, schüren in ihm ein bis dahin unbekanntes Feuer. Alberto steht der Entwicklung nicht blind gegenüber, jedoch um einiges gleichgültiger. Sein Engagement ist beschränkt. Erlebnisse wie das Zusammentreffen mit armen und politisch Verfolgten Indios und die Beschäftigung mit Leprakranken brennen sich in das Gewissen Ernesto Guevaras sowie Alberto Granados ein. Dennoch steht am Ende nur das große Fragezeichen über dem Schicksal von Guevara. Welches die Geschichte beantwortete.
Die Geschichte ist ein zweischneidiges Schwert
Wer das Tagebuch von „Ché“ gelesen hat, der wird nicht umhin kommen zu sagen, dass der Film denselben Stil pflegt, in dieselbe Falle tappt, besser gesagt. Die ausgesucht schönen Bilder Südamerikas konterkarikieren das karge Leben der Bevölkerung, auf welche der Zuseher trifft. Doch eine wahre Erleuchtung gibt es hier nicht zu erleben. Wie bei der Betrachtung des überhöhten Tagebuches Guevaras, so wird auch Regisseur Walter Salles nicht müde, zu betonen welch ein netter Mensch dieser junge Mann doch war. Die Sichtweise seines Reisegefährten bleibt dabei ein wenig ausgespart.
Das von Robert Redford produzierte Road-Movie erlebt teils sogar Déjà-Vu Effekte. Während Guevara im Geiste die Erlebnisse an sich vorbeiziehen lässt, erkennt man in fotografisch anmutenden Schwarzweiß-Bildern und ungewohnter Gitarrenmusik die Wurzel der Revolution. Salles bedient sich hierbei offenbar bei Jim Jarmusch, der schon in „Dead Man“ den ungewöhnlichen Soundtrack von Neil Young zur Unterstützung der Dramatik seiner Geschichte nutzte. Bei Salles wirkt es etwas beliebig. Darüber hinaus vermag auch Hauptdarsteller Gael García Bernal nicht zu überzeugen. Obgleich seine Asthma-Anfälle eindrucksvoll dargeboten werden, so bietet er in der restlichen Zeit nur eine beliebige Folie. Ein wahres Psychogram des jungen Guevara bleibt ausgespart. Rodrigo de la Serna macht das Beste und spielt lustvoll mit dem klischeebesetzten Typen des ausschweifenden und großmäuligen Lebemannes. Ikonen lassen sich nicht leicht von ihrem Mythos befreien und Ché Guevaras Leben wird noch lange in solcherart verklärten und heroisierenden Filmen wie diesem Bestand der Links-Kultur sein. Wo bleibt hier die notwendige Revolution?
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