Fahrenheit 9/11 – Neu im Kino
George Walker Bush scheint auf den ersten Blick ein netter Zeitgenosse zu sein. Mit unschuldigem Blick sitzt er in einer Volksschule, wo er gerade Kindern aus einem Märchen-Buch vorlesen wollte, und denkt ein wenig nach. Vielleicht über das, was ihm Minuten zuvor ein Berater geflüstert hat: Zwei Flugzeuge haben das World Trade Center gerammt. Bush schaut noch eine Weile unbeholfen ins Nichts, dann liest er den Schülern vor. Diese und ähnlich unglaubliche Szenen rund um Bush, seine Regierung und seinen Krieg liefert der momentan umstrittenste Dokumentarfilm der Welt, Fahrenheit 9/11 von und mit Amerikas Public Enemy Number One Michael Moore.
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George und seine Gang
Moore holt weit aus, um das Phänomen Bush zu erklären. Zu Beginn der Dokumentation steht eine Zeitreise ins Jahr 2000, genauer gesagt zur amerikanischen Präsidenten-Wahl. Und wieder weist Moore vehement auf den offensichtlichen Wahlbetrug der Republikaner hin, wie schon in seinem gefeierten Bestseller-Roman Stupid White Men. George W.’s Bruder Jeb verdrehte das Wahlrecht und die Auszählung im Bundesstaat Florida, während ein weiterer Verwandter via TV-Kanal das angebliche Endergebnis verkündete. Bush startete als Präsident allerdings wenig erfolgreich, befand er sich doch mehr im Urlaub als im weißen Haus. Während seine Umfrage-Werte wegen des lautstarken Protestes der Demokraten und einigen recht schwachsinnigen Aussagen seinerseits in den Keller rutschten, spielte George Golf.
Golf-Spiele und Golf-Kriege
Der Dokumentarfilm kippt mit den Bildern des Terrors vom 9. 11. 2001 in eine ganz andere Richtung. Das Amerika der Angst wird gezeigt, wie es sich Bush mehr und mehr zurechtbastelt. Gesetze, die die Freiheit beschränken, sinnlose Verhaftungen und ähnliche Dinge, die gerade das Publikum in Europa an längst vergangene Zeiten erinnern wird. Dann der Angriff auf Afghanistan und schließlich der Krieg im Irak – Moore verwendet wieder den für ihn typischen Aktionismus, um die wahre Absurdität und vor allem die Menschenverachtung hinter diesen Konflikten zu illustrieren. Er besucht eine Familie bevor und nachdem deren Sohn im Irak gefallen war, und bringt die gebrochene Mutter nach Washington. Dort schreit sie Bush, das weiße Haus und vor allem die Kamera an.
Propaganda 9/11
Moores Dokumentation löst allerdings sehr konträre und gemischte Gefühle aus. Nach dem Genuß von Fahrenheit 9/11 ist den europäischen Besuchern aus zweierlei Gründen schlecht: Einerseits, weil Bush und die Republikaner tatsächlich schlimmer und grausamer sind als angenommen; auf der anderen Seite, weil Moore sich einer an Propaganda-Filme gemahnden Technik bedient, um die Zuseher auf seine Seite zu bekommen. Bush wird, nicht einmal besonders geschickt, in wirren Bilder-Collagen so dargestellt, als sei er ein vollkommen debiler Irrer. Aussagen werden aus dem Kontext gerissen, Interviews passend zusammengeschnitten. Ob Moores Sache die Richtige ist, und ob die amerikanische Öffentlichkeit solche drastisch-populistischen Filme braucht, um wach zu werden, ist schwer zu beurteilen. Fahrenheit 9/11 hinterlässt einen seltsamen Nachgeschmack, auch wenn das Thema gut getroffen ist.
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