Gegen die Wand
„Ich will leben, Cahit“, sagt Sibel zu dem Unbekannten, den sie im Krankenhaus kennen gelernt hat. Im nächsten Augenblick zerbricht sie eine Flasche und schneidet sich mit dem Glasstumpf in den Unterarm. In „Gegen die Wand“ ist das nur scheinbar ein Widerspruch. Es ist dies bereits der zweite Versuch der jungen Türkin, dem Leben ein Ende zu setzen. Sibel möchte den Unbekannten heiraten, um frei zu sein. Warum, das fragt sich nicht nur der Angesprochene selbst. „Weil du Türke bist, meine Eltern würden dich akzeptieren,“ schreit Sibel ihn an. Nur die Ehe bietet ihr die Chance, aus dem familiären Umfeld zu fliehen und endlich das Leben in vollen Zügen zu genießen.
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In Cahit scheint sie den idealen Kandidaten gefunden zu haben: Er stellt keine Erwartungen mehr an das Leben, ist er doch mit Höchst-Geschwindigkeit gegen eine Wand gerast. Sibel verspricht ihm für die Miete aufzukommen, also willigt der ältere Cahit in den ungewöhnlichen Vorschlag ein. Während sie auf Parties geht und Männer verbraucht, beginnt Cahit, sich in Sibel zu verlieben. Damit wird die Zweck-Gemeinschaft komplizierter.
Ausbruch aus Traditionen
Dem deutsch-türkischen Fatih Akin ist mit „Gegen die Wand“ ein großer Wurf gelungen. Die Geschichte spielt in Hamburg Altona, jenem Viertel, das der Regisseur am besten kennt. Er selber, so erzählt er im Interview, sei schon für eine Scheinehe in Betracht gezogen worden. Die Idee stammt also direkt aus der Wirklichkeit, genauso wie die Auseinandersetzung zwischen der zweiten Generation und ihren Eltern, die noch in den Traditionen der Heimat verhaftet sind.
Der Konflikt wird auch durch die künstlich überhöhten Musik-Einlagen verdeutlicht, die den Film immer wieder unterbrechen: Vor der Bucht von Istanbul singt eine traditionelle türkische Gruppe von märchenhafter Liebe. Akin beleuchtet hingegen die Stellung der Frau von heute, ihre – sexuellen - Wünsche und Sehnsüchte und die Machowelt der Männer, die sich diesen Träumen entgegen stellt. Die Ehefrauen haben einen genau zugewiesenen, nahezu heiligen Platz, der nicht beschmutzt werden darf. Wenn der Mann „ficken“ will, dann geht er ins Bordell. Sibel will aus diesem Korsett der kulturellen Sitten ausbrechen.
Nichts als Schmerzen
Überhaupt ist das Gefangensein eine Metapher, die sich durch die gesamte Handlung zieht. Oft endet die Flucht nur in einem neuen Kerker. Der Verlierer Cahit wird von Sibel ins Leben zurückgeholt, doch gleichzeitig kann er sich ihrer nicht mehr entziehen. Seine Handlungen erfolgen in einem sich zuspitzenden Zwangs-Kreislauf, Sibel endlich wirklich zur Frau zu haben. Die Figuren scheinen sich immer wieder körperliche oder seelische Schmerzen zufügen zu müssen, um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben sind.
„Gegen die Wand“ ist wuchtiges, physisches und radikales Kino. Akin hat diesen seinen Stil bereits im viel gelobten Erstling „Kurz und schmerzlos“ erprobt, hier jedoch perfektioniert. Und bei den Darstellern ragt vor allem Birol Ünel als Cahit hervor. Verständlich, dass Akin von ihm so begeistert ist. Schade nur, dass der Film im letzten Drittel an Dynamik verliert. Da wollte Fatih Akin unbedingt noch die Konfrontation zwischen Sibel und ihrer karrieretüchtigen Kusine unterbringen. Doch ohne jeden Zweifel reiht sich der Regisseur mit „Gegen die Wand“ endgültig in die Riege namhafter deutscher Filmemacher wie Hans Christian Schmidt, Christian Petzold oder Andreas Dresen ein. „Gegen die Wand“ wurde bei der Berlinale 2004 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
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