Sensibel inszeniertes Schuldrama "Elephant"
Johns Vater ist schon wieder zu betrunken, um ihn in die Schule zu bringen. Also übernimmt John das Steuer und hinterlegt die Schlüssel im Sekretariat, damit sein Bruder ihren Dad abholen kann. So kommt er zu spät zum Unterricht und bekommt unnötigerweise Ärger mit dem Direktor. Später wird er seine Tränen unterdrücken wollen, doch ganz gelingt ihm das nicht. So beginnt „Elephant“, der neue Film von Gus Van Sant. Einem größeren Kino-Publikum dürfte der US-Regisseur vor allem wegen seines oscargekrönten „Good Will Hunting“ ein Begriff sein.
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Viele Fragen, keine Antworten
Damals drehte sich alles um einen jugendlichen Protagonisten, der mit Hilfe eines Psychologen trotz leidvoller Erfahrungen seinen Weg findet. Der Unterschied zur aktuell vorliegenden Arbeit könnte nicht größer sein. „Elephant“ vermeidet das Zerreden und Durchkauen, das Analysieren und Erklären, wie es Matt Damon als Will Hunting durchmachte. Van Sant weiß offensichtlich, dass er sich einem schwierigen Thema annähert, das sich für Besser-Wisserei nicht eignet: die Gewalttaten an amerikanischen Highschools.
Erst vor einem Jahr konnten wir Michael Moore dabei zusehen, wie er in „Bowling for Columbine“ nach möglichen Ursachen für das Massaker zweier Teenager an einer Schule in Littleton, Colorado suchte. Sein Dokumentar-Film ist auf einer soziologisch-strukturellen Ebene angelegt. Gus Van Sant gibt sich bescheidener: Antworten wird der Kinobesucher in „Elephant“ keine bekommen. Nicht alles wird sichtbar gemacht, aber die auf Reduktion bedachte Regie gewährt trotzdem – oder gerade deswegen – einen tiefen Einblick in das Innenleben US-amerikanischer Highschool-Schüler.
Dokument schulischen Alltags
Da gibt es zum Beispiel Michelle, eine Außenseiterin, die sich stets in geduckter Haltung bewegt. Es ist schon erstaunlich, dass nach nur wenigen Szenen einem die Figuren und ihre Dramen bekannt und vertraut vorkommen. Und ganz nebenbei zeigt Van Sant so den Alltag an einer Highschool. Denn auch wenn „Elephant“ ein Spielfilm ist, der Regisseur bedient sich der Mittel eines Dokumentaristen. So verweilt die Kamera etwa vorerst bei einer Einstellung, beobachtet das sportliche Treiben und findet seinen nächsten Protagonisten, dem sie dann ganz dicht folgt. Nathan macht sich auf dem Weg, um seine Freundin zu treffen. Wir werden ihm später wieder begegnen. Immer wieder kreuzen sich auf den Schulgängen die Wege der Figuren, jeweils aus unterschiedlicher Perspektive.
Es geschieht nichts Besonderes. Nur Beethovens Mondschein-Sonate durchbricht den sonnigen Tag mit Melancholie. Was passieren wird, hat nichts mit Alltag zu tun. Oder doch? Jüngsten Meldungen zufolge hat das neue Schuljahr in den Vereinigten Staaten mit mehr gewaltsamen Auseinander-Setzungen begonnen, als in den beiden Jahren zuvor. 18 Jugendliche verloren dabei ihr Leben. Ein akutes und brennendes Problem, das eigentlich nicht zu übersehen ist, genauso wenig wie ein Elefant.
Zeigen, nicht erklären
Wir begegnen den beiden Attentätern in „Elephant“ zum ersten Mal, als John nach draußen geht. Er solle verschwinden, geben sie ihm noch als Warnung mit. Auch die Charakterisierung von Alex und Eric bleibt assoziativ. Dass Kritiker darin eine Gefahr der Vereinfachung sehen, ist ein Missverständnis. Van Sant zeigt die Dinge nicht in einem kausalen Verhältnis, sondern stellt sie nur zusammen. Die Mischung aus Außenseiter-Tum und einer Vorliebe für brutale Computer-Spiele ergibt noch keinen prädestinierten Amokläufer. „Ich glaube nicht, dass Computer-Spiele die Kids zu Gewalt-Ausbrüchen provozieren. Aber sie fördern sicherlich die Isolation“, so der Regisseur in einem Interview.
Den Kids zuhören
Der Film zeigt, dass nicht jeder so eine dicke (Elefanten-)Haut hat, um die Bösartigkeit der Mitschüler einfach so zu schlucken. Ein Schrei nach Liebe und Zuneigung ist in „Elephant“ nicht zu überhören. Und damit sind sich Gus Van Sant und Michael Moore dann doch wieder einig. Wie sagt Schock-Rocker Marilyn Manson in „Bowling for Columbine“: Er würde den Kids zuhören, was sie zu sagen haben. Das macht indirekt auch „Elephant“ und gehört damit zum Schönsten, was in diesem Kinojahr zu sehen war.
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