Thomas Raab über Klatsch und Tratsch und warum er keine Liebesromane schreibt, sondern Krimis
Der 39-jährige Thomas Raab wurde mit seinen Romanen rund um Willibald Adrian Metzger bekannt. Doch dass Raabs Herz eigentlich an der Musik hängt, wissen die wenigsten. Denn in Deutsch war Raab nie gut, und dass er irgendwann mal einen Roman schreiben würde, hätte er selbst nie gedacht. Wie viel Metzger in Thomas Raab selbst steckt, wüsste ein Psychotherapeut am besten. Denn er selbst denkt nicht viel darüber nach.
Werbung
Raab: „Der ORF ist sein eigener Radiergummi“
CHiLLi: Im Laufe eines Interviews meinten Sie, das Schreiben sei eine Entdeckungsreise in das Innere. Steckt daher auch viel von Ihnen selbst in Ihren Romanfiguren?
Thomas Raab: Ich glaube, das könnte mein Psychotherapeut am besten beurteilen. (lacht) Ich versuche auf jeden Fall nicht, Merkmale meiner Mitmenschen in die Figuren einzubringen. Es ist überhaupt nichts real, sondern alles fiktional. Natürlich versuche ich, dem Metzger schon Eigenschaften aufs Auge zu drücken, die ihn mir sympathisch machen. Was er mit mir gemeinsam hat: Ich war bis zur Unterstufe ein „Bummerl“, dann kam das Wachstum, das beim Metzger ausblieb.
CHiLLi: Und was sagt Ihr Psychotherapeut dazu?
Thomas Raab: Ein Psychotherapeut könnte mir das, was ich schreibe, besser erklären. Genauso wie Literaturwissenschaftler und Rezensenten mein Buch ganz anders erklären als ich. Ich bekomme oft Fragen gestellt, die kann ich gar nicht beantworten. Ich schreibe einfach, ich denke nicht viel.
CHiLLi: Warum heißt der Metzger nicht Förster?
Thomas Raab: Ich habe zehn Jahre unterrichtet und hatte einen Schüler, der so hieß. Das war noch lange nicht der Grund dafür. Als ich mit dem Roman angefangen habe, war es 2006, das Mozart-Jahr. Als Musiklehrer bedeutet das: Mozart bis zum Erbrechen. Daher brauchte ich einfach einen anderen W.A.M. – Willibald Adrian Metzger. Noch dazu ist Metzger so schön doppelbödig. Bei „Der Metzger geht fremd“ dachten viele an den Fleischhauer an sich. (lacht) Die Deutschen dachten dann, es sei blutrünstig. Das ist schon lustig. In Deutschland gibt es auch keinen Raulederschlüpfer, bei denen ist das ein Höschen.
CHiLLi: Die Frauen in Ihren Romanen kommen nie gut weg. Frau Danjela Djurkovic kann nur schlechtes Deutsch.
Thomas Raab: Das stimmt überhaupt nicht. Die Djurkovic ist die Liebenswürdigkeit in Person. Ich wollte auf keinen Fall eine perfekte Frau, so etwas gibt es auf der Straße auch nie, sondern nur in Hochglanzformaten, und die sind nachretouchiert. Ich wollte unbedingt eine Frau, der man anhört, dass sie Ausländerin ist. Das ist bei uns ja Gang und Gebe, dass Menschen zwar deutsch sprechen, aber der Akzent zu hören ist. Das wird oft noch belächelt. Ich wollte eine Frau malen, die gerade wegen ihrem Akzent so liebenswert ist. Ich verarsche sie nicht. Und wenn ich Vergleiche ziehe zwischen Frauen und Männern, steigt eigentlich immer der Mann schlecht aus in meinen Büchern. Ich dürfte die Frau auch gar nicht schlecht aussteigen lassen, denn ich bin ja ein Mann. Ich kann mich selbst verarschen, aber die Frauen – lieber nicht. (lacht) Es lesen bekanntlich auch mehr Frauen Bücher als Männer, da wäre ich ein schöner Trottel, wenn ich die Frauen beim Schreiben verarsche. (lacht)
CHiLLi: Nur das Lesen dieses Akzentes ist anstrengend. Bei einem Film ist es weniger störend als beim Lesen.
Thomas Raab: Ja, gerade beim dritten Teil, wo sie sehr viel spricht. Aber wenn man drinnen ist, dann geht’s, dann macht es auch Spaß. Die ersten paar Seiten muss man durchbeißen.
CHiLLi: Nur das Schreiben an sich ist bestimmt auch schwierig, wenn man selbst nicht so einen Akzent spricht.
Thomas Raab: Kein Österreicher spricht akzentfreies Deutsch, wir haben alle unsere eigene Sprachfärbung. (lacht) Aber ich hab sie so im Ohr, da fällt es mir nicht schwer.
CHiLLi: Der Metzger ist ein sympathischer Antiheld.
Thomas Raab: Ist er überhaupt ein Held? Er ist ein Mensch wie du und ich. Ein Kritikpunkt an meinem Roman ist möglicherweise, dass immer nur der Metzger und nie die Polizei ermittelt. Der Metzger ist auch der, der mich interessiert. Weil in Wahrheit wir es sind, die ständig ermitteln. Wir interessieren uns für die Geschichten der anderen viel mehr als für die eigenen. Die ganzen Tratschsendungen, von „Seitenblicke“ bis zum Heinzl (Dominic Heinzl, Moderator bei ATV, jetzt ORF, Anm. d. Red.). Wer sagt, er bleibt da nicht ein paar Minuten hängen, der lügt. Man sieht zumindest gerne den Tratsch über andere Leute, das ist eine Eigenschaft, die auch viel zur Entwicklung eines Menschen beiträgt. Das Aushorchen der anderen bringt einen auch weiter. (lacht) Deswegen wollte ich keinen Kommissar, sondern einen neugierigen Menschen erfinden. Wir stolpern ja oft über Dinge, nur es interessiert uns nicht. Der Metzger bleibt dann hängen, und fragt sich, was da los ist. Ich glaube, jeder von uns könnte im Leben mindestens einen Mord aufklären, wenn er sich für gewisse Dinge interessieren würde.
CHiLLi: Wo hat Sie das „Bespitzeln“ schon einmal weiter gebracht?
Thomas Raab: Ich bespitzle die Menschen weniger mit den Ohren, sondern eher mit den Augen. Ich beobachte sehr gerne. Kürzlich war ich in München und hab einen älteren Mann mit einem Gehwagerl gesehen, der nicht über die Bordsteinkante rüber kam. Solche Momente bewegen einen, und das werde ich sicher auch einmal in einem Roman verarbeiten. Ich bin auch sofort hin und hab ihm geholfen.
CHiLLi: Verarbeiten Sie viele Alltagserlebnisse in Ihren Büchern?
Thomas Raab: So etwas schon, aber nicht wenn mir der und der auf die Nerven geht. Das versuche ich völlig auszugrenzen, denn es gibt nichts Leichteres, als sich literarisch über andere auszulassen. Das mach ich nicht. Beim ersten Buch musste ich sehr aufpassen, da dieses aus dem Schulmilieu stammt. Bei einem Kollegen habe ich eine Eigenschaft abgekupfert. Dieser hat immer die Tür offen gelassen, weil er so stolz war, dass die Klasse bei ihm ruhig ist. Ich hab das einfach so absurd gefunden. Ich war Musiklehrer, bei mir waren zwei Türen zu und man hat uns trotzdem bis auf den Gang rausgehört. (lacht)
CHiLLi: Sie haben einen sehr eigenen Schreibstil. Woher kommt der?
Thomas Raab: Ich weiß es nicht. Ich wollte eigentlich gar kein Buch schreiben, das ist einfach so passiert. Ich denke auch nicht darüber nach, vieles ist vielleicht auch von der Satzstellung nicht richtig. Das erste Buch war reine Alleinunterhaltung, ohne Zweck, und auch ohne Glauben daran, dass es jemals fertig werden könnte. Das behalte ich jetzt auch bei.
CHiLLi: Sie schreiben Krimis, warum keine Liebesromane?
Thomas Raab: Das eine schließt das andere nicht aus. Ein Kriminalroman wirft zu Beginn eine Frage oder ein Problem auf, und wenn du das Buch am Ende schließt, ist das gelöst. Das machen Liebesgeschichten, oder andere Romane oft nicht. Bei einem Krimi ist der Fall gelöst und das Buch fertig. Als Schreibender kommst du nicht in die Verlegenheit siebenhundert Seiten zu schreiben und nicht mehr weiterzuwissen. Lassen sie sich jetzt scheiden, oder kommt das dritte Kind? (lacht) Ich wurde auch schon gefragt, ob man Mord ins Lächerliche ziehen darf. Da kann man sich auch fragen: Darf man bei den Nachrichten ein Schnitzel essen? Lachen ist erlaubt, auslachen nicht.
CHiLLi: Sie schreiben zwar abgeschlossene Bücher, aber trotzdem mehrere Teile.
Thomas Raab: Weil ich ja blöd wäre, wenn ich das nicht machen würde. Das Schreiben macht mir viel Spaß. Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, ich kann mir etwas aufbauen, von dem ich gut leben kann. Das geht als Lehrer nicht, da steigst du langsam auf und mit sechzig, wenn du deine Höchstgage erreichst, gehst du in Pension.
CHiLLi: Als neuer Schriftsteller verdient man nicht sehr viel. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Thomas Raab: Die Einnahmen vom Taschenbuch teilst du dir mit dem Verlag, jeder zwei bis drei Prozent. Zwei bis drei Prozent von 8,20 Euro. Beim Hardcover sind es insgesamt zehn Prozent, da bist du aber schon gut. Wenn du in Österreich zehntausend Hardcover Bücher verkaufst, bist du schon super. Jeder in der Branche kennt dich und du stehst in der Bestsellerliste. Man muss aber viel unterwegs sein, viele Lesungen abhalten. Das genieße ich aber auch. Nach zehn Jahren unterrichten hat man auch keine Angst mehr vor dem Publikum.
Interview mit Thomas Raab weiterlesen …
„Der ORF ist sein eigener Radiergummi“