Innsbrucks Rektor Töchterle im Interview über „Universität im besten Sinne“ und sein Befinden
Seit ziemlich genau zwei Jahren ist Karlheinz Töchterle, davor grüner Gemeinderat von Telfes im Stubai, Rektor der Uni Innsbruck. An seiner Universität ist die Sowi-Aula, einer der größten Hörsäle der Uni, seit nunmehr fast drei Wochen besetzt. Der Sprachwissenschaftler ist einer von wenigen Rektoren, die sich von Beginn an für die Hörsaalbesetzung ausgesprochen haben – inzwischen gibt es sogar ein Verhandlungspapier von Seiten des Rektorates für Beendigung der Besetzung. Im ausführlichen Interview spricht der Innsbrucker Rektor über seine Vorstellung von Universität, die „Lächerlichkeit“ ECTS-Punkte, die für ihn dringend nötige „Re-Akademisierung“ der Bachelor-Studien und warum er Studiengebühren für richtig hält. Außerdem erklärt Karlheinz Töchterle, warum es ihm trotz der Besetzung seiner Uni derzeit „eher gut als schlecht“ geht.
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„Die Kurzstudien sind ein Feindbild“
„ECTS das Dümmste überhaupt“
CHiLLi: Wie geht es Ihnen eigentlich? Die Uni Innsbruck ist seit Ende Oktober besetzt.
Karlheinz Töchterle: Grundsätzlich geht’s mir eher gut als schlecht, einmal abgesehen davon, dass die Besetzung außer Programm war und einige zusätzliche Aufgaben und Herausforderungen gebracht hat. Aber man ist in so einem Amt auch dazu da, solchen Herausforderungen zu begegnen. Darum geht’s mir eher schlecht. Gut geht’s mir, weil ich es schon gut finde, dass die Besetzer mit ihrer Aktion eine breite Universitätsdebatte losgetreten haben. Das finde ich gut, obwohl ich nicht alle Forderungen teile.
CHiLLi: Welche nicht?
Karlheinz Töchterle: Ich habe mich zum Beispiel immer für Studiengebühren ausgesprochen. Ich bin aber grundsätzlich gegen Dogmen und ich bin auch gegen das Dogma, Studiengebühren müssten sein oder dürften nicht sein. Und wenn Studiengebühren, dann so, dass sie keine soziale Selektion bedeuten. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das möglich ist. Ich werde mir noch einmal alle Argumente und auch alle empirischen Befunde dazu ansehen, ob die Studiengebühren eine soziale Selektion ausüben oder nicht. Wenn sie eine starke ausüben, was ich nicht glaube, dann würde ich meine Meinung sofort ändern. Wenn sie nur eine ganz geringe ausüben, dann könnte ich mir vorstellen, dass man sie mit Hilfe eines treffsichereren Stipendiensystems korrigiert.
CHiLLi: Mit Ihrer grundsätzlich positiven Reaktion auf die Besetzung sind Sie als Rektor eher eine Ausnahme, warum sehen Sie das nicht kritischer? Sie haben auch selbst bereits mit dem Plenum diskutiert.
Karlheinz Töchterle: Andere Rektoren halten sich mehr zurück, das stimmt. Ich weiß nicht genau, warum. Meine Position ist eher spontan und taktisch-strategisch wenig reflektiert. Ich kriege auch sehr viel Kritik zu meiner Haltung, vor allem uni-intern. Aber erst einmal bin ich ein 68er-Kind. Ich habe 1969 zu studieren begonnen. Gegen die Dinge, die damals passiert sind – nicht so stark in Innsbruck, aber auch hier –, ist das, was hier geschieht, ein überaus zivilisierter, kontrollierter, fast akademischer Protest. So, wie ich die erste Diskussion, an der ich in der besetzten Sowi-Aula teilgenommen habe, erlebt habe – das hat mein Bild noch stärker ins Positive gedreht. Teilweise kenne ich die Studierenden, die dort auftreten, persönlich und ich weiß, wie seriös und ernsthaft sie studieren. Das sind junge, positiv motivierte, kluge Leute, alles andere als „Chaoten“, als die sie manchmal bezeichnet werden, oder „linke Zecken“, was ich als Schimpfwort auch schon gehört habe. Die tun etwas, was man als junger Mensch einfach tun darf, manchmal vielleicht sogar tun soll.
CHiLLi: Viele bezeichnen die Besetzung aber auch als Hausfriedensbruch, darunter auch viele Lehrende und Studierende der Uni Innsbruck.
Karlheinz Töchterle: Ich hatte auch schon eine Delegation von Lehrenden vor allem aus den drei betroffenen Fakultäten bei mir, die natürlich um ihren Hörsaal klagen. Das verstehe ich auch. Ich wurde auch hier sehr heftig kritisiert. Ich habe mich tapfer und wie ich glaube erfolgreich gewehrt. Mein Standpunkt ist klar: Ich befürworte diesen Protest, ich stelle diesen Raum zur Verfügung – die Alternative wäre, ihn gewaltsam freizumachen, und die kommt für mich nicht in Frage. Natürlich sollten wir irgendwann in den Normalbetrieb zurückkehren. Aber es ist auch das Wesen solcher Proteste, dass sie nicht ewig dauern können. Ein Dauerprotest wird irgendwann nicht mehr wahrgenommen.
CHiLLi: Sie haben bei Ihrem Auftritt in der Sowi-Aula auch den Ausspruch getätigt, das sei „Universität im besten Sinne“.
Karlheinz Töchterle: Wenn man Kontroverse zulässt und auch mit den Gegner dieser Aktion diskutiert, dann ist das, was dort passiert, Universität im besten Sinn. So habe ich das gemeint.
CHiLLi: Was soll Universität in Ihren Augen sein?
Karlheinz Töchterle: Das ist eine schwierige Frage. Zu meinen, dass Universität mit Berufsausbildung nichts oder nur wenig zu tun hat, ist ein historischer Irrtum. Es haben immer die drei „oberen“ Fakultäten Berufe ausgebildet. Das waren die Mediziner, die Juristen und die Theologen. Darunter gab es historisch eine vierte Fakultät, die sogenannte Artisten-Fakultät, die die „artes liberales“ gelehrt hat – das, was man braucht, um die drei höheren Fakultäten studieren zu können: Sprachkompetenz, argumentative Kompetenz und so weiter. Diese „dienende“ untere Fakultät hat immer um ihre Gleichberechtigung und Höherberechtigung gekämpft, was sie endgültig erst im späten 18. Jahrhundert durch den deutschen Idealismus und Humboldt erreicht hat. Da ist eigentlich erst dieses Konzept eines zweckfreien, von Berufsausbildung unabhängigen Universitätsstudiums der reinen Bildung wegen entstanden.
CHiLLi: Heute wird vielfach die Ökonomisierung der Unis, praktisch die Gegenrichtung, kritisiert – und damit zusammenhängend etwa die Geringschätzung von Geisteswissenschaften.
Karlheinz Töchterle: Na ja, man muss zur Kenntnis nehmen, dass Universitätsabgänger ja auch etwas arbeiten müssen. Bildung allein um der Bildung willen ist ein aristokratisches Konzept. In einer demokratischen Gesellschaft muss eine Universität auf einen Brotberuf hin ausbilden, und davor die Augen zu verschließen, ist meiner Meinung nach völlig realitätsfremd. Ich sage aber dazu: Das Wesen von Wissenschaft kann nie ausschließlich berufsbezogen sein, im Gegenteil, das Wesen von Wissenschaft ist immer auch das Betreten einer Meta-Ebene, wo ich mir quasi selbst zuschaue, was ich da mache. Diese kritische Reflexion ist ein wesentlicher Teil der Wissenschaft, und insofern muss Universität mehr sein als Berufsausbildung. Aber zu sagen, sie dürfe keine Berufsausbildung denken oder konzipieren, geht völlig an der Realität vorbei.
CHiLLi: Erledigt die Universität das wissenschaftliche Hinterfragen derzeit ausreichend?
Karlheinz Töchterle: Sie tut es in den Bachelors da und dort zu wenig. Ich habe das auch in der Aula schon gesagt: Man muss das Bachelor-Studium re-akademisieren. Man muss, wenn man eine universitäre Ausbildung anbietet, dort Raum schaffen für diese Reflexion, für die Kritik, für diese Meta-Ebene. Auch im Bachelor-Studium, sonst ist es eben kein Universitäts-Studium mehr, sondern eine reine Berufsvorbereitung und passt besser an die Fachhochschulen – ohne jetzt die Fachhochschulen abzuwerten. Man muss dem Bachelor-Studium etwas Luft geben. Ich bin selbst lange in Studienkommissionen gesessen, nicht nur in einer. Man hat dort meist versucht, in einen dreijährigen Bachelor alles hineinzustopfen, was man davor in einem vier- oder fünfjährigen Diplomstudium gemacht hat, und das durch die modulare Struktur auch noch stärker verbindlich zu machen. Ich will damit beileibe nicht alle Bachelor-Studien schlechtreden. Aber ich höre und lese permanente Kritik am Bachelor-Studium im ganzen deutschen Sprachraum. Und weil es diese massive Kritik gibt, erlaube ich mir als Rektor zu sagen, nach einem ersten Durchgang fassen wir die Studien ins Auge und schauen, ob sie denn universitär und akademisch sind. Die Dreijährigkeit ist auch eine österreichische Erfindung, in Spanien sind etwa längere Bachelor-Studien vollkommen normal. Die Frage ist schon, wo geht der Bachelor hin?
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„Die Kurzstudien sind ein Feindbild“
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