Berufszettelkleber Helmut Seethaler über seine Gedichte, den Wandel der Zeit und seine Erlebnisse
Seit mehr als fünfunddreißig Jahren klebt Helmut Seethaler seine Zettelgedichte an Laternen, Säulen und Wände auf öffentlich zugänglichen Plätzen. Bei den Gedichten handelt es sich meist um Sätze, die manchmal nicht einmal einen Reim ergeben. Behörden, U-Bahn-Aufsichtspersonen und Passanten versuchen ihn seit Beginn seiner Kleberei an dieser Kunst zu hindern. Es handle sich dabei nämlich um „unerlaubtes Plakatieren“ und „vermeidbare Luftverschmutzung“. Dennoch klebt Seethaler seine „Kunst“ weiter an Wände. Der freie Künstler in einem sehr persönlichen Gespräch über Motivation, Aktualität seiner Arbeit und gesellschaftlicher Akzeptanz.
Werbung
CHiLLi: Wie erleben Sie die Gesellschaft ihrer Vergangenheit im Vergleich zur heutigen?
Helmut Seethaler: Es hat sich eine Menge geändert. Im Vergleich zu den Achtzigern geht alles heut zutage schneller. Die Menschen haben einfach ein höheres Tempo, sie sind orientierter und zielstrebiger. Doch wenn ein älterer Aufsichtsbeamter zu mir tritt und mir eines meiner ersten Gedichte zeigt und meint, er trage diesen Zettel seit dreißig Jahren bei sich, geht mir das doch zu Herzen.
CHiLLi: In der Vergangenheit hatten sich Ihre Gedichte schon bewährt, wie sieht es nun in den Zeiten der großen Wirtschaftskrise aus?
Helmut Seethaler: Das könnte ja bedeuten, dass mit einem Wirtschaftswachstum das Interesse an meinen Gedichten nachlässt, und umgekehrt dann wieder zunimmt. Dem zufolge würde ich ja davon profitieren. Ich hatte in diesem Zusammenhang schon einige Gespräche mit völlig unterschiedlichen Personen. Die meinten, dass meine Gedichte jetzt öfters gepflückt und gelesen werden als früher, weil sich die Werte umpolen.
CHiLLi: Inwiefern hat sich dann Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Helmut Seethaler: Ich denke, meine Gedichte sind nun klarer geworden, ethischer und sehr deutlich. Und auch mit den Behörden gibt es kaum mehr Schwierigkeiten.
CHiLLi: Haben Sie schon einmal im Laufe der Jahre Menschen dazu animieren können, den Stift selbst in die Hand zu nehmen?
Helmut Seethaler: Ich habe wirklich einmal geglaubt, dass ich Menschen dazu bewegen könnte. „Meine Freiheit ist auch deine Freiheit“, lautete immer mein Grundsatz. Und die freie Meinungsäußerung ist das höchste Gut, welches der Mensch noch hat. Die einzige Grenze, die es gibt, bin ich selbst.
CHiLLi: Wie stehen Sie dazu, mit mehreren Leuten zusammen zu schreiben?
Helmut Seethaler: Ich bin gänzlich unfähig als Teamspieler, ich kann wirklich mit niemandem zusammenarbeiten. Vor 35 Jahren hieß es oft: „Komm, lass uns das gemeinsam tun, gehen wir die Sache gemeinsam an.“ Nach einigen Teamarbeiten merkte ich dann aber, dass ich mein Ding konsequent durchziehen wollte, während andere es nur als Nebenbeschäftigung sahen.
CHiLLi: Wenn Menschen Ihre Gedichte nehmen und in einem Medium präsentieren, sei es in einer Zeitschrift, in einem Songtext oder als Zitat in einem Buch, sind Sie damit einverstanden?
Helmut Seethaler: Ich war lange Zeit gegen eine Veröffentlichung in gebundener Form, als der Verlag wollte, dass ich im Buch veröffentlichte Gedichte nicht mehr an die Wand klebe. Da war ich dann schon wieder auf hundert, denn das lasse ich sicher nicht mit mir machen. Was andere Medien betrifft, wenn man meine Texte beispielsweise in Liedern benutzt, dann hör ich mir das Resultat gerne an, involviert werden will ich aber nicht.
CHiLLi: Sie haben während Ihrer Arbeit schon vieles erlebt. Was war Ihrer Meinung nach die skurrilste Situation?
Helmut Seethaler: Als die Wiener Linien das Jugendamt gerufen haben, weil ich mit meinen Kindern in der U-Bahn-Haltestelle spielte. Sie wurden als Mittäter bezeichnet, und mir wurde die Schuld zugeteilt, sie nicht lang genug ans Tageslicht zu lassen.
CHiLLi: Versuchen die Behörden und die Wiener Linien nach wie vor, gegen Sie vorzugehen?
Helmut Seethaler: Manchmal gibt es noch einige Aufregungen, aber alles in allem sind sie ruhiger geworden. Ich meine, als Beispiel, immer wenn ich hierher zum Schwedenplatz komme und die Säulen beklebe, gehe ich zur U-Bahn-Aufsicht und trage in einem extra für mich angelegten Formular meine Aufenthaltszeit ein.
CHiLLi: Sie stellen mit Ihren Gedichten oftmals einen Spiegel vor die Gesellschaft. Das bedeutet aber in gewisser Hinsicht auch, sich selbst vor den Spiegel stellen. Haben Ihnen Ihre Gedichte auch selber schon geholfen?
Helmut Seethaler: In ihrer Ausführung mit Sicherheit. Man könnte sagen, dass ich einen Sinn darin sehe, aber ich glaube an keinen Sinn. Ich kann mir nur eine Aufgabe einbilden. Es gibt nichts Größeres, was ich erreichen will, ich habe eine wundervolle Frau und drei wundervolle Kinder.
CHiLLi: Und Ihre Familie, wie steht die zu Ihrer Arbeit?
Helmut Seethaler: Sie unterstützen mich so gut es geht. Ich glaube, wir sind alle aufeinander stolz. Manchmal sind wir uns halt nicht einig, wie bereits gesagt, meine Kinder sind mir zu normal und ich ihnen oft peinlich. Meine Mutter hat sich auch mit meiner Arbeit abgefunden, und ich bin froh darüber. Mein Vater starb, als ich vierzehn war. Ich glaube, er wäre eher stolz auf meine Töchter als auf meine Arbeit. Meine Vorfahren waren alle bei der Bahn oder anderen Behörden tätig, da tanze ich mit meiner Tätigkeit aus der Reihe. Aber ich interessiere mich dennoch für Züge, sehr sogar.
CHiLLi: Trotz dieses Interesses, werden Sie weitermachen?
Helmut Seethaler: Solange ich noch etwas zu sagen habe und Menschen noch zum Lesen bewegen kann, sehe ich keinen Grund, aufzuhören.
Mehr dazu ...
Bilder Seethaler verzettelt sich
Umfrage Deine Meinung zu Helmut Seethalers „Kunst“