ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz nahm sich bei Diskussion über Medien kein Blatt vor den Mund
Wem gehört die Öffentlichkeit? Diese Einstiegsfrage zu einer Podiumsdiskussion letzten Freitag, 7. November 2008, beim Grazer Schlossbergfestival „Elevate“ führte zu heftig emotionalen Aussagen des derzeitigen ORF-Programmchefs Wolfgang Lorenz. Sichtlich verärgert über die geringen Zuseher-Quoten eines kürzlich gesendeten TV-Dramas über Atomkraft sprach er jungen Menschen jegliches Bildungsinteresse ab.
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„Die Jungen verkrümeln sich ins Internet“
Kollegin Monika Eigensperger von Radio FM4 betonte zwar das Interesse Jugendlicher am öffentlichen Diskurs, doch Wolfgang Lorenz relativierte schnell, dass dieser nur im Internet stattfinden würde. Das Publikum im großteils mit jungen Menschen gefüllten Saal entsetzte er schnell mit weiteren Aussagen wie: „Die Jungen verkrümeln sich ins Internet“ und dass sie die Realität oft vernachlässigen würden.
„Internet hat keine politische Relevanz“
Der ebenfalls zum Podium geladene Lektor Heinz Wittenbrink vom Studiengang Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Joanneum erwähnte den gelungenen Online-Wahlkampf von Barack Obama als Beispiel für die Bedeutung moderner Netzwerke. Als der ORF-Programmchef weiterhin die Relevanz des Internet ablehnte, kochte die Stimmung im Publikum über. Ein Besucher sprach Lorenz gar ironisch mit „Präsident McCain“ an, was dieser mit einem beleidigten „Das ist gemein“ quittierte. Blogger Jochen Hencke ist „entsetzt, dass einem Programmdirektor die Zukunft des Fernsehens so egal ist“ und es sei ein Irrglaube, dass sich die, die sich jetzt im Internet „verkriechen“, von alleine wieder zurück zum Fernsehen kommen.
„Es ist mir scheißegal, ob sie zuschauen oder nicht“
Auch Karl Pachner, dem in seiner Funktion als Geschäftsführer von orf.at die Schlagkraft einer vernetzten Gegenöffentlichkeit vertraut sein sollte, bewies gewohntes Kasterldenken: „fm4.orf.at, oe3.orf.at und starmania.orf.at sind Reservate für Jugendliche und auch woanders, etwa in Foren und Debatten sind sie stark“, aber: „TV ist noch das Leitmedium“. Christiane von Hahn, Sendungsverantwortliche von „ARTE Tracks“ beim deutschen ZDF konnte dem nicht viel entgegen setzen. Ihrer Meinung nach habe nur das breitenwirksame Fernsehen die Kraft, Jugendkulturen aus dem Untergrund in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Lorenz meinte hingegen später, es sei ihm „scheißegal, ob sie zuschauen oder nicht“.
„Scheißegal, was da drinnen steht …“
Wolfgang Lorenz wurde jedenfalls nicht müde zu betonen, dass er keine Ahnung von neuen Medien hat. Es ist ihm „Scheißegal, was da drinnen steht und was Jugendliche darin machen“. Junge Leute müssten sich schon selbst darum kümmern, dass sie im Fernsehen gehört werden. Auf die erboste Frage aus dem Publikum: „Soll ich Sie etwa anrufen?“ wusste Lorenz allerdings keine Antwort. Ebenso wenig, warum er nicht im Gegenzug die Meinungen zum Staatssender in diversen Internet-Foren selbst nachlesen würde. Schließlich: „Es wird Ihnen nicht egal sein, wenn wir keine Gebühren mehr zahlen“, fasste ein Besucher die Stimmung im Publikum zusammen. Blogger Sebastian Bauer ist über die Aussagen des Programmdirektors ebenfalls schockiert: „Dass Lorenz nicht besonders internetaffin ist, ist ja nichts Neues.“ Als langjähriger Mitarbeiter des ORF, sollte er aber eigentlich wissen, wie er sich ausdrücken soll, und vor allem wie er es nicht darf.
„Fernsehen ist gar nicht mehr notwendig“
Als popkulturelles Gewissen des ORF versuchte „Sendung Ohne Namen“-Macher David Schalko in der Diskussion darauf hinzuweisen, dass Fernsehsendungen von jüngeren Leuten gestaltet werden sollten. Diese müssten sich aber selbst den Platz im Fernsehprogramm erkämpfen. „Wozu?“ fragte einer der Besucher, „Fernsehen ist nicht mehr notwendig“. Am Podium erläuterte Heinz Wittenbrink in ähnlicher Weise, dass inzwischen „Informationsbeschaffung bei Jugendlichen ohnedies vorrangig über das Internet erfolge“.
Reaktionen in zahlreichen Weblogs
Die Moderatoren Klaus Unterberger vom ORF-Dialogforum und Daniel Erlacher vom Festival „Elevate“ freuten sich jedenfalls über die rege Diskussion, die in vielen Blogs ihre Fortsetzung fand (siehe Link-Sammlung unten). Momentan scheint das Internet beim Österreichischen Rundfunk zumindest als „Cash-Cow“ eine Bedeutung zu haben: Mit den Einnahmen über Online-Werbung auf ORF.at, der meistbesuchten Internet-Seite in Österreich. Ob das so bleibt, wenn das „Leitmedium Fernsehen“ eines Tages keine jungen Zuseher mehr gewinnen kann, wird die Zeit beweisen. Oder, wie es Wolfgang Lorenz nennt, „dieses Scheiß-Internet!“
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Externer Link scheissinternet.at
Externer Link ORF auf der Suche nach Jugend (DiePresse.com)
Externer Link Dialogforum beim Elevate Festival
Externer Link Erster Blogbeitrag von Sebastian Bauer
Externer Link Bestätigung von Heinz Wittenbrink
Externer Link Blogbeitrag von Michael Neumayr
Externer Link Blogbeitrag von Michael Thurm
Externer Link Blogbeitrag von Jochen Hencke
