Seit 140 Jahren ist Alaska Teil der USA – billigst gekauft wurde es durch Öl steinreich
Homer Simpson war sich sicher, dass er seine Familie „einmal in die Scheiße reiten“ wird. Deshalb hat er vorgesorgt und einen Notfallplan zurechtgelegt: „Alaska. Dort, wo du nicht zu fett oder zu betrunken sein kannst. Dort, wo niemand zu dir sagt: Lass uns mal dein Abschlusszeugnis von der Baumschule sehen.“ Tatsächlich hat der ölreiche Staat bis heute das Image eines Auffanglagers für Gescheiterte und Heimatlose, die einen Neuanfang suchen. Am 18. Oktober feiert der zweitjüngste Staat der USA (nur Hawaii kam noch später hinzu) zum 140. Mal den Jahrestag des „Alaska purchase“ – wohl eines der schlechtesten Grundstücksgeschäfte, die Russland jemals tätigte. Für schlappe sieben Millionen Dollar verkaufte es die 1,7 Millionen Quadratkilometer an die USA. Dass dort knappe hundert Jahre später eine ganze Menge Öl gefunden werden sollte, konnte damals ja noch niemand ahnen.
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Der Verkauf Alaskas
Bereits über ein Jahrzehnt vor dem Verkauf wurde in Washington D.C. ernsthaft darüber nachgedacht, das aufgrund des Pelzhandels wirtschaftlich nicht unattraktive Russisch-Amerika zu erwerben. Vor allem der kalifornische Senator William Gwin war treibende Kraft hinter diesen Anstrengungen. Der Krimkrieg verlangte von Russland erhebliche finanzielle Opfer, was auch auf russischer Seite zu derartigen Überlegungen führte. Über zehn Jahre wurde schließlich taktiert, verhandelt, zurückgezogen, angedeutet und sogar noch ein Bürgerkrieg in den USA ausgefochten, bis es schließlich am 30. März 1867 zur Unterzeichnung des Kaufvertrages kam. Dass nun alles so schnell ging, hing nicht zuletzt mit dem Erstarken Großbritanniens in Nordamerika (British Columbia) zusammen. Um Alaska nicht endgültig in britische Hände fallen zu lassen, war ein Abschluss des Geschäfts für St. Petersburg immer dringender geworden.
Verkauf ohne Zustimmung der Indigenen
Die Übergabe an die USA fand bereits einige Monate nach der Vertragsunterzeichnung in Sitka, dem Hauptsitz der russischen Kolonie, statt. Am 18. Oktober wurde die russische Flagge eingeholt und durch die amerikanische ersetzt. Bis heute wird dieses Ritual jährlich am „Alaska Day“ in Sitka nachgestellt. Doch nicht für alle stellt der Tag einen Grund zum Feiern dar: Für Rosita Worl, Präsident des Sealaska Heritage Institutes, ist der Tag vor allem eine Erinnerung daran, dass das Land ohne Zustimmung der dort seit Jahrhunderten lebenden indigenen Völker verkauft wurde. Auch Ray Troll, ein Maler und Schriftsteller, der vor 25 Jahren nach Alaska kam, kann dem historischen Tamtam um den „Alaska Day“ wenig abgewinnen: „Seit 15.000 Jahren leben Menschen an dieser Küste – das sollten wir eigentlich feiern!“
Öl – Fluch und Segen für Alaska
Die oft in Filmen und Büchern zu findende Darstellung von Alaska als eine prosperierende Region, in der alles eitel Wonne ist, trifft so aber sicher nicht zu. Die Ölfunde der sechziger Jahre brachten dem Land zwar einen erheblichen Wohlstand, waren aber auch der Grund für eine Reihe von Umweltproblemen. Dazu zählt nicht zuletzt eine Ölpest, die durch das Unglück des Tankers Exxon-Valdez verursacht wurde. Auch soziale Probleme sind in dem Land, in dem jährlich acht Monate Eis und Schnee das Klima bestimmen, häufig zu finden. Vor allem in den Dörfern der indigenen Bevölkerung, wie Rosita Worl erklärt: „Viele der Kommunen sind wirtschaftlich sehr schwach. Wir haben große Probleme mit dem niedrigen Bildungsniveau. Hinzu kommt noch, dass Alkoholismus und Drogen in diesen Orten sehr verbreitet sind.“
Nichtsdestotrotz hat sich die Situation der Indigenen in den letzten Jahrzehnten, seit der Verabschiedung des „Alaska Native Claims Settlement Acts“ 1971, verbessert – zurückgehend auch auf Druck der Ölindustrie. Nur dadurch sei ein gewisser wirtschaftlicher Aufstieg und damit verbunden auch politischer Einfluss möglich geworden, sagt Worl. Trotz aller Probleme, die das Öl mit sich gebracht hat, zeigt sie sich überzeugt, dass es sich unter dem Strich positiv auf das Land ausgewirkt habe.
Alaska, das Land für einen Neuanfang?
Den Nimbus eines Landes, in dem jeder, ein neues Leben anfangen kann, egal mit welcher Vergangenheit, ist Alaska bis heute nicht losgeworden. „Es war auch tatsächlich bis in die sechziger und sogar siebziger Jahre so, dass Neuankömmlingen nicht allzu viele Fragen gestellt wurden“, erklärt Bruce Botelho, Bürgermeister von Juneau (siehe Interview). Heute sind es andere Gründe, warum Menschen nach Alaska kommen. Nicht nur Arbeiter der Ölfirmen und Soldaten, die auf einem der Stützpunkte ihren Dienst versehen, kommen nach Alaska. Auch von der Natur fühlen sich viele angezogen. Ray Troll etwa blieb, weil er sich „in die eindrucksvolle Wildnis, die Kultur und die Menschen des Landes verliebte.“ Für einen Künstler sei es auch „sehr inspirierend, jeden Tag aufs Neue das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur zu erleben“, erzählt Troll von seiner Faszination von Alaska.
Die Geschichte des Bundesstaates hat Troll zufolge zu einer interessanten Bevölkerungsmischung geführt. „Ich glaube, jeder hier kann sich fragen, ob er vor etwas weg- oder zu etwa hingelaufen ist“, sagt der Künstler. „Oft denke ich mir, dass es zwei Sorten Mensch hier gibt. Einerseits solche, die die USA verlassen haben, um das letzte Stück Wildnis und das, was Amerika einmal war, zu entdecken. Die zweite Gruppe sind jene, die darauf versessen sind, Alaska zu dem zu machen, was der Rest der Vereinigten Staaten bereits ist: ein Land von Einkaufsmeilen und endloser Weiterentwicklung. Und jetzt raten Sie mal, zu welcher Gruppe ich gehöre.“
Mehr dazu …
Bruce Botelho: „Traum eines Neuanfangs ist ausgeträumt“
Bilder Alaska in Bildern
Links dazu …
Externer Link Sealaska Heritage Institute
Externer Link Ray Troll
Externer Link Alaska History & Cultural Studies
Externer Link State of Alaska
Externer Link Alaska Info
Literatur dazu …
Peter Littke, Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas, Essen 2003.