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„Sie waren wie Todesgeister“

Smith: „Ein Soldat ist dazu da, die Verfassung zu verteidigen
Smith: „Ein Soldat ist dazu da, die Verfassung zu verteidigen
„Wir haben immer mehr Zivilisten getötet und damit den Aufstand angeheizt“
„Wir haben immer mehr Zivilisten getötet und damit den Aufstand angeheizt“

Ein Irakveteran erzählt über die Gründe warum er in den Krieg ziehen wollte

Es war der 19. März 2003, als 300.000 Soldaten einer „Koalition der Willigen“ unter Führung der USA mit der Invasion des Iraks begannen. Einer der kurz darauf als US-Soldat in das Zweistromland kam, war Craig Smith. Der damals 22-Jährige zog mit dem festen Glauben in den Krieg, dass Saddam Hussein hinter den Attentaten vom 11. September 2001 stecken würde. Nach seiner Rückkehr wurde bei ihm eine posttraumatische Störung diagnostiziert. Mit seiner Frau lebt er heute in Erie, Pennsylvania und engagiert sich in der Veteranenbewegung. Die Kriegserlebnisse sind bis heute in seinem Kopf präsent und lassen ihn kein normales Leben führen.

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 „Die Welt hat den Irrsinn akzeptiert
CHiLLi: Sie waren siebzehn Jahre alt als sie zur Armee gingen. Warum so früh?
Craig Smith: Der Grund war ganz einfach: Ich wollte schon als kleiner Junge Soldat werden. Als ich älter wurde, dachte ich, es gäbe nichts besseres, was ich in meinem Leben tun könnte. Auch glaube ich an unsere Verfassung und daran, dass ein Soldat dazu da ist, diese zu verteidigen.

CHiLLi: Als der Irakkrieg begann, meldeten Sie sich freiwillig für einen Einsatz. Was hat Sie dazu bewegt?
Craig Smith: Ich war damals der Überzeugung, dass Saddam Hussein direkt für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich war. Heute weiß ich natürlich, dass das eine reine Farce war.

CHiLLi: Wann kamen Sie im Irak an?
Craig Smith: Am Tag zwölf der Invasion, also am 30. März oder 1. April 2003.

CHiLLi: Hatten Sie vorher noch ein spezielles Training für den Irakeinsatz?
Craig Smith: (lacht laut) Es gab nichts! Wir hatten drei Tage FTX, das bedeutet Field Training Exercise – das war ein kompletter Witz. Das hat uns in keinster Weise auf den Irak vorbereitet.

CHiLLi: Wie kann man sich dieses FTX vorstellen?
Craig Smith: Wir gingen für drei Tage in den Wald. Es hat geschneit und wir blieben die ganze Zeit über wach. Ganz ehrlich: Im Grunde haben wir drei Tage lang nichts gemacht. Das Training wäre eher für den Kalten Krieg geeignet gewesen.

CHiLLi: Wurden Sie über die Geschichte des Landes und über mögliche Nachkriegs-Szenarien informiert?
Craig Smith: Nein, ich wusste nichts vom Irak oder den Menschen dort als ich ankam. Ich war auch der einzige in meiner Einheit, der sich dann ein Arabisch-Wörterbuch gekauft, und versucht hat, mit den Irakern in ihrer Sprache zu kommunizieren.

CHiLLi: Warum war das wichtig für Sie?
Craig Smith: Wie gesagt, ich wollte mit den Leuten in ihrer eigenen Sprache sprechen. Die Iraker waren so nett zu mir, so liebenswürdig und hilfsbereit. Das Mindeste was ich für sie tun konnte war, sie zum Lachen zu bringen, indem ich versuchte Arabisch zu sprechen. Außerdem wird es von den Irakern sehr respektiert, wenn ein Mann versucht ihre Sprache zu lernen. Als ich das Land verließ, hatten mich einige Bewohner von An-Najaf (eine Stadt 160 km südlich von Bagdad, Anmerkung der Redaktion) bereits so gern, dass sie mich verheiraten wollten. Ich sollte also da bleiben und mit ihnen leben.

CHiLLi: Was waren ihre Aufgaben im Irak?
Craig Smith: Meine Mission war es, den Koalitionsstreitkräften Treibstoffnachschub zu liefern. Später halfen wir bei einer humanitären Mission in An-Najaf. Das war die beste Zeit meines Einsatzes. Hier hatte ich die Möglichkeit, das Herz und die Seele des irakischen Volkes kennen zu lernen. Iraker sind wirklich erstaunliche Menschen. Das hätte ich nie gelernt, wenn ich nicht diesen humanitären Einsatz gemacht hätte.

CHiLLi: Wie fühlten Sie sich als Präsident Bush am 1. Mai 2003 mit den Worten „mission accomplished“ das Ende der größeren Kampfhandlungen verkündete?
Craig Smith: Zum damaligen Zeitpunkt dachte ich mir nur: Großartig! Aber schon bald merkte ich, dass sich der Widerstand immer mehr organisierte. Die Mission war nur in seinem Kopf erfüllt, nicht im Land selbst.

CHiLLi: Wie erlebten Sie diesen Widerstand der auf die Invasion folgte?
Craig Smith: Unsere Konvois wurden ständig von Aufständischen mit raketengetriebenen Granaten und Handfeuerwaffen angegriffen. Die Attacken waren sehr gut aufeinander abgestimmt und geplant. Sie gaben uns keine Möglichkeit darauf zu reagieren, oder das Feuer zu erwidern. Sie waren wie Todesgeister, unsichtbar und immer und überall zu allem fähig.

CHiLLi: Hatten Sie das Gefühl, die US-Streitkräfte waren darauf vorbereitet und hatten die richtige Strategie, um den Aufständischen zu begegnen?
Craig Smith: Nein, auf keinen Fall! Die Armee dachte, dass, wenn wir einfach die Aufständischen töten oder gefangen nehmen, alles erledigt wäre. Aber durch unsere Taktik des immer nur Attackierens und wieder Attackierens haben wir immer mehr Zivilisten getötet und damit den Aufstand nur weiter angeheizt. Auch haben wir damit das soziale Gefüge des Landes zutiefst verletzt. Wir hätten König Abdullah oder eine arabische muslimische Delegation gleich nach der Invasion gebraucht, um den sozialen und politischen Sauhaufen wieder aufzuräumen.

CHiLLi: Wie war es für Sie, als Sie in die Vereinigten Staaten zurückkehrten?
Craig Smith: Sehr schwierig. Ich kam zurück in ein Land, in dem niemand auch nur einen verfluchten Gedanken über irgendjemand oder irgendetwas außer sich selbst verschwendet.

CHiLLi: Als wir dieses Interview vereinbart haben, haben Sie mir gegenüber erwähnt, dass Sie sich „von einem großen Kriegsbefürworter zu einem totalen Kriegshasser“ gewandelt haben. Wann geschah dieser Meinungsumschwung?
Craig Smith: Ich habe begonnen mich mit den Hintergründen des Krieges zu beschäftigen, nachdem ich den Film „Fahrenheit 9/11“ von Michael Moore gesehen hatte. Ich habe hunderte von Stunden, oft bis drei oder vier Uhr morgens, vor dem Computer verbracht und Nachforschungen angestellt. Ich las Dokumente, sah mir Videos an und versuchte diese ganzen Dinge in einen größeren Kontext zu bringen. Der wirkliche Umschwung kam, als für mich klar wurde, dass das ganze Ding eine Farce war. Ein Traum. Ein Wahnsinn getarnt unter der Prämisse der „Freiheit“. Aber welcher Freiheit? Im Irak haben viele Menschen inzwischen nicht einmal mehr Elektrizität!

CHiLLi: Was machte Sie wütender? Zu fühlen, dass die Regierung die Amerikaner belogen hat, oder dass sie für diese Lüge ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben?
Craig Smith: Es macht mich sehr wütend zu wissen, dass mich die Regierung belogen hat, weil ich an Amerika glaube. Ich glaube an die Idee von Amerika: Ein Land wo sowohl die Freiheit des Denkens, als auch Misstrauen gegen die Regierung als patriotisch angesehen werden. Ich glaube an die Verfassung. Ich glaube an unsere Bürgerrechte und die „Bill of Rights“. Aber nachdem ich fast gestorben wäre, und nun herausgefunden habe, dass das wofür ich fast mein Leben gelassen hätte, eine einzige Lüge war, bin ich angewidert. Ich wollte für etwas kämpfen und auch sterben, dass moralisch richtig ist. Nicht für eine Farce.

CHiLLi: Hat sich Ihr Privatleben nach Ihrer Rückkehr aus dem Irak verändert?
Craig Smith: Sehr sogar. Ich traue vielen Menschen nicht mehr. Ich achte auch immer sehr auf meine Umgebung. Ich kann in einer Gefahrensituation von einem Moment auf den Anderen von einem friedlichen zu einem kampfbereiten Mann werden. Ich war früher überhaupt nicht so. Von Zeit zu Zeit wache ich auch mitten in der Nacht auf und habe das Gefühl tot zu sein. Es ist manchmal wirklich die Hölle.

CHiLLi: Bekamen Sie Unterstützung vom Kriegsveteranenministerium?
Craig Smith: Das Ministerium hat mir schon geholfen. Ich bin darüber auch sehr froh, weil ich weiß, dass es nicht allen Veteranen so geht.

CHiLLi: Wie hat Ihnen das Ministerium geholfen?
Craig Smith: Alle zwei Wochen hatte ich ein Gespräch mit einem ihrer Berater. Zusätzlich hat man mich aufgrund einer Verletzung am Arm, die von einem Unfall in Bagdad stammt, sowie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) als sechzig Prozent arbeitsuntauglich eingestuft. Dafür bekomme ich nun eine monatliche Entschädigung.

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 „Die Welt hat den Irrsinn akzeptiert

Interview führte Florian Gasser > [ Mail ]

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