Acht Tage lang währte die Namensänderung Barrosos in der „Freien Enzyklopädie“
Unter dem Titel „Hoppala mit Folgen“ berichtete CHiLLi.cc letzte Woche über den Umstand, dass nach dem Versprecher von Bundeskanzler Gusenbauer der EU-Kommissionspräsident nun auch auf Wikipedia als Barolo bezeichnet wird.
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Experiment mit Folgen
Diese Änderung wurde von der CHiLLi.cc-Redaktion am Freitag, den 5. April durchgeführt und war ein Experiment, die Verlässlichkeit des Nachschlagewerks zu testen. Als der Eintrag nach drei Tagen unverändert war, wurde dieser Umstand auf der CHiLLi.cc-Seite veröffentlicht. Dennoch blieb der Eintrag mit Barroso als Barolo erhalten. Zufall oder nicht, erst kurz nachdem CHiLLi.cc ein Mail an die deutsche Wikipedia am Abend des 13. April sendeten, wurde der Eintrag richtig gestellt. In dieser Nachricht legte CHiLLi.cc auch dar, die Veränderung selbst durchgeführt zu haben. Genau acht Tage lang währte damit die Namensänderung des amtierenden EU-Kommissionspräsidenten in der „Freien Enzyklopädie“.
Benutzer kontrollieren sich selbst
Die lange Dauer der Änderung sorgte sogar in höchsten Wikipediakreisen für Aufregung: „Würden Sie eine Geschichte über Abfall schreiben und dafür Müll auf der Autobahn verteilen um zu sehen was passiert?“, schrieb uns der Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales in einer Nachricht – ohne dass CHiLLi.cc eine Anfrage zu dieser Thematik an ihn selbst gerichtet hätte. Was heißt das nun für die Verlässlichkeit, die man Beiträgen der Nummer Eins unter den Online Nachschlagewerken beimessen kann? „Wir warnen immer davor, die Inhalte der Wikipedia einfach so für bare Münze zu nehmen und betonen immer wieder, dass in Wikipedia auch Falsches drinstehen kann“, schreibt Philipp Birken von Wikimedia Deutschland, dem Förderverein von Wikipedia – das sich trotz dieser Selbsteinschränkung als Enzyklopädie, also auch mit dem Anspruch auf Sammlung sämtlichen Wissens, bezeichnet.
Das Online Nachschlagewerk stellt für immer mehr Internetbenutzer die erste, und nicht selten die letzte Informationsquelle dar. Die Qualität der Artikel aber schwankt beträchtlich. Dass diese „nur“ von Benutzern zusammengestellt werden, die Kontrolle über Qualität und Richtigkeit wiederum durch diese erfolgt und jeder, auch ohne Registrierung (wie es etwa im Falle der Änderung durch CHiLLi.cc geschah) einen Beitrag umgestalten kann, ist vielen Lesern nach wie vor nicht bewusst. „Warnhinweise“, wie der von Philipp Birken dürften an den meisten Lesern spurlos vorübergehen, sofern sie diese überhaupt zu lesen bekommen.
Die wohl bekannteste „organisierte“ Verunstaltung eines Eintrages wurde vom us-amerikanischen Comedian Stephen Colbert in seiner Sendung auf Comedy Central initiiert. Er rief dazu auf, den Beitrag über Elefanten so zu verändern, dass es den Anschein hätte, deren Population sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Die darauf folgende Welle an Änderungen führte zur Sperrung des Artikels. Der Aufruf war Teil der Kampagne Colberts zur Etablierung des Begriffs „Wikiality“, der eine flexible, subjektive Art von Realitätswahrnehmung, inzwischen auch mit eigener Internetpräsenz, darstellt.
Was will Wikipedia sein?
„Wir schlagen immer vor, dass Benutzer Wikipedia als Ausgangspunkt für ihre Recherchen verwenden und dann mit Hilfe von anderen Quellen die Information überprüfen“, meint Angela Beesley, ein Mitglied des Advisory Boards der Wikimedia Foundation, in einem Statement. Der Nutzen einer Enzyklopädie, die vom Leser mit Hilfe anderer Quellen stets verifiziert werden muss geht wohl eher gegen Null. Dies scheint auch den Betreibern von Wikipedia bewusst zu sein. Ein Lösungsvorschlag für dieses Dilemma könnten so genannte „stabile Artikel“ sein, von denen sowohl Birken als auch Beesley sprechen. Gemeint ist damit, dass ein „bewährter Mitarbeiter“ eine bestimmte Version eines Beitrages als stabil markiert. „Der Leser kann dann zwischen der stabilen Version oder der neuesten Version wählen, wobei letztere zwar aktueller ist, aber auch verunstaltet sein kann“, erklärt Beesley. Fraglich ist, ob dies mit dem Gedanken der „freien Enzyklopädie“ noch vereinbar wäre.
„Citizendium“ als Alternative
Wie auch immer die Zukunft von Wikipedia aussehen wird, fest steht, dass das Nachschlagewerk in seiner derzeitigen Form sehr fehleranfällig und unverlässlich ist. Auch innerhalb der Wikimedia Foundation wird bereits seit längerem eine hitzige Debatte darüber geführt, wie die Probleme gelöst werden können. Ein Paukenschlag war die Gründung von Citizendium durch den Wikipedia Mitbegründer Larry Sanger. Dieses seit kurzem allgemein zugängliche Nachschlagewerk verlangt eine Registrierung seiner Autoren und möchte verstärkt Experten einbinden. Wie sich Wikipedia selbst weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Nächste Woche wird auf CHiLLi.cc hoffentlich ein Vertreter von Wikipedia näheres dazu darlegen – die Einladung hierzu steht.
Mehr dazu …
Revolution im Internet
Bilder Hoppala mit Folgen
Kommentar Gastkommentar Achim Raschka
Links dazu …
Externer Link Wikimedia Foundation
Externer Link Gesperrter Wikipedia-Eintrag über Elefanten
Externer Link Citizendium
Externer Link Wikiality