Lang über die Macht der APA, fehlende Journalistenausbildung und Wikipedia
Michael Lang agiert im Hintergrund. Der 42-Jährige tritt kaum öffentlich auf, hat nicht einmal noch einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Dennoch ist er als Chefredakteur von Österreichs Nachrichtenagentur APA einer der mächtigsten Männer der Medienbranche. Im Gespräch erläutert er die Aufgaben des Agenturjournalismus und spricht über den Frauenanteil bei der APA.
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Lang: „Interventionen sind lästig“
CHiLLi: Was unterscheidet eine Nachrichtenagentur von klassischen Medien?
Michael Lang: Eine Agentur arbeitet größtenteils im Hintergrund, das ist auch ihre Aufgabe. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Unterschied: Das Geschäft einer Nachrichtenagentur richtet sich an einen Business-Kunden, sprich andere Medien, nicht an den Endkonsumenten. Wir arbeiten zudem rund um die Uhr, das machen auch neue Medien sonst nur mit Abstrichen. Es gibt bei uns keinen Spitzenzeitpunkt wie einen Andruck bei einer Zeitung oder die aktuelle Sendung beim Fernsehen. Es ist ein konstanter Arbeitsanfall mit einem konstanten Stresslevel.
CHiLLi: Was unterscheidet Agenturjournalisten von „normalen“ Journalisten?
Michael Lang: Es gibt eine Grundvoraussetzung: Die absolute Objektivität in der Berichterstattung. Die steht auch als Nummer Eins der Grundpflichten im Statut. Das zweite ist das Tempo der Arbeit, man erwartet zu Recht von einer Agentur, dass sie erste Informationsquelle ist. Man muss Dinge möglichst rasch und möglichst prägnant auf den Punkt bringen. Ich glaube zudem, dass unsere Redakteure im Schnitt über größere Fremdsprachenkenntnisse verfügen, weil wir mit Materialien aus aller Welt arbeiten. Eine besondere Verantwortung ist die Arbeit am „Desk“, wo man mit vielen verschiedenen Quellen in besonderer Intensität gut umgehen können muss. Außerdem braucht man die Fähigkeit, in Schichten arbeiten zu können und in der Nacht die gleiche Leistung zu erbringen wie am Tag.
CHiLLi: Sie bezeichnen die APA als Erstinformationsmedium: Der Tod von Innenministerin Liese Prokop war auf Wikipedia nachzulesen, bevor es eine APA-Meldung gab. Ist das Internet eine Gefahr für Nachrichtenagenturen?
Michael Lang: Ein klares und deutliches Jein. Die Wikipedia-Geschichte hat auch deshalb eine solche Publizität bekommen, weil Wikipedia selbst gesagt hat, dass sie schneller als die APA waren. Solange man sich mit der Frage „Sind wir schneller als die APA?“ auseinandersetzt, sind wir noch immer Gradmesser. Abgesehen davon, dass die Wikipedia-Geschichte damals von einem publizistisch tätigen Menschen kam, der auch bei Wikipedia aktiv ist.
Das Internet als Bedrohung für Medien und Nachrichtenagenturen muss laufend ernst genommen werden. Es würde dann gefährlich, wenn Quellen im Internet zu Recht eine ebenso große Glaubwürdigkeit zugestanden würde wie klassischen Medien. Das kann ich derzeit noch nicht erkennen. Wikipedia ist manipulierbar, das wissen Sie wie ich. Solange die Gefahr der Manipulation besteht, haben wir durch die Recherchepflicht einen Vorsprung, der so schnell nicht aufgeholt werden kann.
CHiLLi: Um auf das journalistische Tätigkeitsfeld zurückzukommen: Können APA-Journalisten ihre journalistische Eitelkeit befriedigen? Sie sind schließlich relativ anonym und nicht so bekannt wie ihre Kollegen bei Tageszeitungen, in Magazinen oder dem ORF.
Michael Lang: Auch nicht besser oder schlechter als alle anderen. Der Reiz des Agenturjournalismus besteht darin, an der Quelle der Nachricht zu sitzen, Dinge als erstes zu erfahren. Das ist ein enormer Reiz, ich beziehe seit neunzehn Jahren jeden Tag eine hohe Befriedigung daraus. Anonymität stimmt auch nicht ganz, innerhalb der Branche sind die Kolleginnen und Kollegen der APA sehr wohl gut bekannt.
CHiLLi: Wie bei vielen anderen österreichischen Medien ist der Anteil der Frauen in der Redaktion zwar relativ hoch, aber in der Führungsebene gibt es kaum Frauen – bei der APA wird kein einziges Ressort von einer Frau geleitet, auch die Chefredaktion ist Männersache. Wieso?
Michael Lang: Wir haben wahrscheinlich doch eine zeitlang den Fehler begangen, auf die Geschlechterverteilung nicht bewusst geschaut zu haben. Dann ergibt sich so ein Bild. Wir haben zwar in den Bundesländern einige Damen an der Spitze der Redaktion …
CHiLLi: … in zwei Bundesländern.
Michael Lang: Viel ist es nicht, stimmt. Dem soll jetzt entgegengewirkt werden. Seit einem dreiviertel Jahr läuft nun ein Equality-Programm, das die Chancengleichheit, von der wir dachten, dass sie sowieso besteht, auch tatsächlich herstellen soll.
CHiLLi: Man muss Ihnen zu Gute halten: Das Problem hat nicht nur die APA. Die neue „Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmidt steht allein auf weiter Flur …
Michael Lang: Sie hat ja auch gesagt, dass man erst dann zufrieden sein kann, wenn irgendwann nicht mehr hervorgehoben wird, dass eine Frau Chefredakteurin wird. Ich denke, das ist historisch gewachsen. Bis Mitte der Achtziger war Journalismus eine Männerdomäne, und journalistische Führungspositionen werden meist aus dem eigenen Redaktionsstab besetzt. Wenn der Unterbau zunächst ein zutiefst männlicher war, dann ist es klar, dass derzeit mehr Männer in den Führungspositionen sitzen. Ich habe aber den Eindruck, dass die Damenschaft massiv nachrückt. Sie werden in den nächsten Jahren hoffentlich die redaktionellen Managementfunktionen besetzen.
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„Interventionen sind lästig“