Hetfleisch und Madl über die Marokkanerszene und das Sprungbrett Sportressort
Seit Ende 2004 unterhält die in Innsbruck ansässige Moser Holding, neben der „Tiroler Tageszeitung“ (TT), mit der „Neuen“ ein boulevardeskes, zweites täglich erscheinendes Blatt. Vor kurzem kam es zu einem Wechsel an der Spitze der Redaktion. Auf Manfred Schiechtl, der in den Vorstand der Holding wechselte, folgten Patricio Hetfleisch und Florian Madl als gleichberechtigte Chefredakteure. CHiLLi.cc traf die beiden frischgebackenen Redaktionsleiter zum Gespräch.
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CHiLLi: Herr Hetfleisch, Sie sind mit 27 Jahren wahrscheinlich einer der jüngsten Chefredakteure einer österreichischen Tageszeitung. Wie kamen Sie zum Journalismus?
Patricio Hetfleisch: Das ist schnell erzählt: 1999 in meinem Maturajahr in Innsbruck, hab ich mich etwas gelangweilt. Ich war damals bereits Schulsprecher, also auch schon interessiert an der Welt außerhalb der Schule. Ich hab einfach bei der TT angerufen und gefragt ob sie Hilfe brauchen können. Ich hatte Glück und im März 1999 erschien mein erster Artikel.
CHiLLi: Sie beide, wie auch ihr Vorgänger Manfred Schiechtl als auch der Chefredakteur der TT Frank Staud waren zuerst im Sportressort. Eignet sich dieses Ressort besonders als Sprungbrett?
Patricio Hetfleisch: Ich würde das sportlich sehen. Der Job an sich ist eine sportliche Aufgabe und eine Herausforderung, aber ich glaube, dass das in diesem Fall schon eher Zufall ist.
Florian Madl: Sport ist eine klassische Networking-Geschichte. Dort läuft alles zusammen. Ähnlich wie im Kulturressort. Dort lernst du Leute etwa bei Konzerten, im Sport bei einem Eishockeyspiel kennen. Natürlich unterhält man sich dort ganz anders und ungezwungener. Was sicher auch dazu kommt ist, dass man in diesen Bereichen meistens mit sehr viel Herz bei der Arbeit ist.
CHiLLi: Birgt die Tatsache, dass es zwei gleichberechtigte Chefredakteure gibt, nicht ein gewisses Konfliktpotential in sich?
Patricio Hetfleisch: Ich geh einmal prinzipiell davon aus, dass sich die Damen und Herren in unserem Aufsichtsrat und im Vorstand das sehr genau überlegt haben. Wir beide ergänzen uns sehr gut, schon allein von den Fähigkeiten die wir mitbringen.
CHiLLi: Planen Sie Veränderungen am Produkt?
Florian Madl: Unser Vorgänger Manfred Schiechtl hat das bis jetzt wirklich sehr gut gemacht. Man muss sich nur überlegen welche Geschichte die Zeitung durchgemacht hat bis sie gute Zahlen erreicht hat.
Patricio Hetfleisch: Er war halt so gut, dass er schlussendlich im Vorstand der Moser-Holding gelandet ist. Für uns ist das jetzt natürlich etwas unangenehm, da wir ziemlich schnell in diesen neuen Job, in die neue Aufgabe hineinwachsen müssen.
CHiLLi: War die Gründung der Neuen vor inzwischen zweieinhalb Jahren eine Reaktion darauf, dass die Kronenzeitung in Tirol jährlich an Reichweite hinzugewonnen hat?
Patricio Hetfleisch: Die Kronenzeitung war immer ein Thema in der Moser-Holding. Aber sie ist sicher nicht der Motor für Veränderungen die der Konzern anstrebt. Es ging auch um die TT an sich, wie sie in Zukunft aufgestellt wird, um bestehen zu können. Nicht jedes Thema, das in Tirol von Bedeutung ist, hat in der TT den Platz, den es bei uns hat. Zwei Zeitungen, zwei Marken mit unterschiedlichen Ausrichtungen, das hat sich auf alle Fälle bewährt.
Florian Madl: Allein die heutige Titelseite: Von Jugendarbeit, über die Wok WM, bis hin zu Eishockey, das ist auch so ein dynamisches Thema. Eine TT würde nie so aufmachen, weil die viel breiter aufgestellt ist.
Patricio Hetfleisch: Dort müssen sie zum Beispiel Außenpolitik viel mehr beachten, als wir das tun. Wir können viel kompakter arbeiten und sind nach wie vor das Schnellboot in Sachen Themen und unser Mutterschiff sozusagen ist die stetige Konstante.
CHiLLi: Ein Thema das sich durch die Berichterstattung wie ein roter Faden durchzieht, ist bekannt unter dem Namen „Rapoldiparkszene“. Können Sie unseren Nicht-Tiroler-Lesern vielleicht erklären, um was es dabei geht.
Patricio Hetfleisch: Ich würde sagen, jeder große Ballungsraum hat so eine Szene. Das liegt in der Natur der Sache, dass sich gewisse Personen an bestimmten Orten treffen. Die „Rapoldiparkszene“ in Innsbruck heißt deswegen so, weil der Raum, wo sich dieser Personenkreis aufhält eben der Rapoldipark ist. Der Innsbrucker Vizebürgermeister Platzgummer sagt es in einem heute erschienen Interview in der „Neuen“ so, dass es sich um etwa siebzig Unruhestifter handelt. Dies sind Menschen, die mit der Absicht, ihrem kriminellen, illegalen Geschäft nachzugehen, nach Innsbruck kommen. Wenn man zehn abschiebt, kommen zehn zurück. Das ist das, was wir unter der „Rapoldiparkszene“ verstehen.
CHiLLi: Von welchen Delikten sprechen wir?
Patricio Hetfleisch: Aller Art eigentlich. Wir reden von einem Milieu, das einfach anders funktioniert als der Durchschnittstiroler.
Florian Madl: Beschaffungsdelikte beispielsweise. Aber es geht auch um den sozialen Status. In Salzburg hast du die Elisabethstraße oder in Wien die Per Albin Hanson Siedlung, Favoriten oder den Karlsplatz. Das sind sozial schwache Gegenden. Bei uns gibt es das Olympische Dorf, wo eine gewisse Häufung von Delikten festzustellen ist und eben auch im Rapoldipark.
CHiLLi: Auffallend ist, dass in der Neuen der Begriff „Rapoldiparkszene“ austauschbar verwendet wird mit den Begriffen „Nordafrikanerszene“ und „Marokkanerszene“. Warum?
Patricio Hetfleisch: Das Hauptherkunftsland von jenen Personen, die dort immer wieder für Unruhe sorgen, und wo die Polizei immer wieder Razzien durchführt, sind Menschen aus Marokko. Natürlich ist das kein Pauschalbegriff. Nicht alles, was da herkommt, ist gleichzusetzen mit einem Problem, sondern es ist eben eine Szene.
Florian Madl: Ich weiß, worauf die Frage abzielt. Es würde der Thematik nicht gerecht werden, zu sagen, „Die Neue“ bedient sich da einer Simplifizierung, um es dem Leser mundgerecht zu verkaufen. Es ist einfach so, dass diese circa siebzig Unruhestifter vorwiegend nordafrikanische Gäste sind. Das weitet sich in Innsbruck zu einem Problem aus. Wir haben ja genauso in der Zeitung die Geschichten, wenn Schwarze beispielsweise an Discos abgewiesen werden. Der „Neuen“ jetzt so was zu unterstellen, würde ich nicht als fair empfinden. Weil was soll man tun? Noch dazu, wo es polizeiliche Erhebungen gibt, die zeigen, dass es wirklich die Leute aus diesem Kreis sind. Wenn es siebzig Italiener wären, dann wäre es halt so, es sind aber nicht siebzig Italiener.
CHiLLi: Halten Sie die Begriffskonstruktion „Marokkanerszene“ für glücklich gewählt?
Patricio Hetfleisch: Wenn wir über Begriffe reden, ist „Marokkanerszene“ sicher problematisch, weil da zwei unterschiedliche Dinge zusammengespannt werden. Es ist aber eben eine Szene. Es ist keine Pauschalisierung, sondern eine Szene, die vorhanden ist. Das war übrigens eine breite Diskussion im vergangenen Monat. In der Neuen Zürcher Zeitung war ein Artikel über dieses Thema. Dort stand auch einiges über die Vorgangsweise, auf die sich Zeitungen einigen, wie man welche Szene benennt und wie man damit umgeht, dass Herkunftsländer hergenommen werden, um Täterkreise einzugrenzen. Diese Vorgangsweise ist legitim, wenn man sie auch auf Inländer anwendet. Wenn man das zu gleichen Teilen macht, dann wird man dieser Balance sehr gerecht. Was wir aber nicht steuern können ist, wie das von den Lesern rezipiert wird. Menschen haben immer ihre eigene Vorstellung von der Welt, ihre eigenen Vorurteile gegenüber Anderen und reagieren dementsprechend auf viele Reize unterschiedlich. Was mir begegnet, ist oft genau dieses Problem. Wenn man ein Herkunftsland hinschreibt, das außerhalb von Tirol liegt, dann ist das schon ein Problem. Wenn man sagt „der deutsche Skifahrer“, dann lachen ja auch alle, weil jeder das Bild vor Augen hat, dass dieser wahrscheinlich wieder nur halb angezogen auf dem Berg herumspaziert.
CHiLLi: Sie haben einmal mit „Piefke“ getitelt.
Patricio Hetfleisch: Das haben wir auch geschrieben, ja. Wir haben uns da in der Tradition von Felix Mitterer auf diesen Wortlaut geeinigt.
Florian Madl: Ich kann mich beispielsweise an einen Leserbrief erinnern, in dem uns gedankt wurde, dass wir anstatt dem Wort „Asylant“ immer den Begriff „Asylwerber“ verwenden. Es wird also in diesem Bereich mit Begrifflichkeiten sehr sensibel umgegangen.
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