Der Kabarettist Markus Linder über sein neues Programm „Tasta la vista“
Der Kabarettist, Entertainer, Musiker und Moderator Markus Linder gilt in Westösterreich als Kult. Er ist Mitglied in mehreren Bluesformationen, organisiert jährlich das „New-Orleans- Festival“ in Innsbruck und gastiert derzeit mit seinem fünften Solo-Kabarettprogramm auf Vorarlberger und Tiroler Bühnen. Im Gespräch mit CHiLLi.cc spricht er darüber, warum er sich bereits als Samenzelle schuldig fühlte und wie man als Vorarlberger zum Blueser wird.
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CHiLLi: In ihrem neuen Programm „Tasta la vista“ geht es sehr viel um das schlechte Gewissen. Sie sprechen von 500.000 Jahren Schuldgefühle.
Markus Linder: Das ist unsere Menschheitsgeschichte. Schlechtes Gewissen und Schuld prägen den Alltag. Es sind so Kleinigkeiten, ich sollt jemanden anrufen, das hab ich versprochen und das, die Mama sollte ich auch anrufen. Es geht um kleine Dinge wie diese, aber auch um tiefer liegende Sachen wie zum Beispiel die Sohn-Mutter Beziehung. Aber ich versuche, das skurril zu beleuchten und letztlich ein bisschen aufzulösen.
CHiLLi: Und wie kann man als Samenzelle schon ein schlechtes Gewissen haben?
Markus Linder: Ich hab eine Million Brüder und Schwestern, ich komme zum Zug, die anderen krepieren alle und schuld bin ich. Da beginne ich mit den Schuldgefühlen und führe das dann in die verschiedensten Dinge hinein. Zum Beispiel das Rauchen oder auch die Ernährung. Dass man etwa nicht mehr normal essen kann, weil man schon ein schlechtes Gewissen hat, wenn man nur einmal fett isst. Dann habe ich aber auch Dinge, die dem schlechten Gewissen entgegenwirken. Der „Innere Schweinehund“ ist zum Beispiel ein Verbündeter gegen das schlechte Gewissen.
CHiLLi: Wie das?
Markus Linder: Sport etwa. Ich sehe da einen Jogger und denke mir: „Jessas, ich sollte auch laufen gehen.“ Der „Innere Schweinehund“ aber beruhigt mich: „Bleib ruhig liegen.“
CHiLLi: Sie treten in ihrem Programm auch als Latin Lover auf, sind aber rein äußerlich mit ihren zwei Metern fast das Gegenteil davon.
Markus Linder: Hier kommen wir zur Parodie. Eines meiner häufigsten Stilmittel ist die musikalische Parodie. Ich schlüpfe singend in Rollen. Erzählend bin ich der Linder, und in der Show, die ich als Hitparade aufgebaut habe, präsentiere ich die dreizehn größten Hits aus 500.000 Jahren Schuldgefühle, und da bin ich dann in Rollen. Da bin ich Elvis, Udo Lindenberg, Louis Armstrong, oder eben auch Julio Iglesias als Latin Lover.
CHiLLi: In ihren Programmen kommen Sie meist ohne der im österreichischen Kabarett beliebten Kritik an einzelnen Personen oder Politik aus.
Markus Linder: Ich hatte schon die eine oder andere politische Nummer in meinen Programmen. Lange gespielt hab ich etwa den Sketch „Mr. Schussel“ über unseren Ex-Bundeskanzler. Aber es ist richtig, dass ich Politisches, wenn, dann auf meine eigene Art mache, nämlich skurril. Inzwischen überholt die Politik uns Kabarettisten ja rasant. Was sich da alles abspielt, allein in den letzten Monaten, da ist Kabarett schon fast gar nicht mehr notwendig.
CHiLLi: Sie treten auch viel mit verschiedenen Musikformationen auf und bezeichnen sich selbst als Blueser. Wie wird man als Vorarlberger zum Bluesman?
Markus Linder: Das ist eine Superfrage, die ich auch in meinen Programmen schon behandelt habe. Warum ein Vorarlberger zum Blueser und nicht zum Volksmusiker wird? Ich weiß es nicht. Seit ich zehn Jahre alt bin, fasziniert mich diese Musikrichtung. Vor allem New Orleans. Diese Musik, die dort gespielt wird, hat mich angezogen. So ist auch der Kontakt zu New Orleans entstanden. Warum, das weiß ich nicht genau. Man sagt ja: Er hat den Blues – oder er hat ihn eben nicht.
CHiLLi: Was sich durch all Ihre Programme wie ein roter Faden zieht, ist das schwierige Verhältnis Westösterreichs zu Wien. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Bundeshauptstadt?
Markus Linder: Sehr gut. Ich habe sieben Jahre in Wien gelebt und festgestellt, die Wiener mögen uns Westler viel lieber als umgekehrt. Man hat uns vielleicht ein wenig als Exoten gesehen, aber grundsätzlich war da eine große Sympathie, die umgekehrt nicht oft erwidert wird. Wir Vorarlberger und Tiroler ziehen da ja an einem Strang. In beiden Ländern gibt es dieselben Sprüche über Wien, wie etwa der berühmte „Wasserkopf Österreichs“.
CHiLLi: Sie sprechen ja aber auch davon, dass die Peitsche Wiens zwar Tirol erreicht, Vorarlberg aber nicht mehr.
Markus Linder: Ja genau. Das stimmt schon. Die Vorarlberger schauen Richtung Westen. Wien liegt für den Vorarlberger von seinem Blickfeld aus hinten. Das Bild, das ich in einem meiner Programme gezeichnet habe, war das von einem Schlitten, und das letzte Hündlein dass der Fahrer, nämlich Wien, mit der Peitsche erreicht, ist das Tiroler Hündlein, das eine, das er nicht mehr erreicht, das Vorarlberger Hündlein.
CHiLLi: Es gibt so gut wie keinen westösterreichischen Kabarettisten, der österreichweit großen Erfolg hat. Haben wir einen anderen Schmäh als der Osten?
Markus Linder: Nein. Meiner Meinung nach liegt das ganz zentral am Fernsehen. Es gibt im österreichischen Fernsehen keine Plattform für heimisches Kabarett. Es gibt keine Sendung wie etwa den „Quatsch Comedy Club“ oder „Otti’s Schlachthof“. So etwas würde ich schätzen. Ich war auch vor einigen Jahren beim Unterhaltungschef des ORF und habe moniert, dass ich so etwas gerne moderieren würde. Fünfundzwanzig Minuten, in denen jeweils zwei arrivierte und ein neuer Kabarettist Auszüge aus ihren Programmen präsentieren. Ich bin mir sicher, das würde auch der westösterreichischen Kabarett-Szene zu mehr Bekanntheit und Akzeptanz österreichweit verhelfen.
CHiLLi: Und die Antwort des ORF?
Markus Linder: Wir werden uns bei Ihnen melden.
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Bilder Markus Linder: im Wordrap
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