Gletscherforscher Kaser über den Weltklima-
bericht der UNO und dessen „harte Befunde“
Der erste Teil des IPCC 4 (Intergovernmental Panel on Climate Change) Reports, der die naturwissenschaftliche Basis für die beiden folgenden Teile darstellt, wurde vor kurzem veröffentlicht. Der Inhalt birgt Brisantes. Zum ersten Mal herrscht Konsens darüber, dass niemand anderes als der Mensch für den derzeitigen Klimawandel verantwortlich ist. Georg Kaser, Glaziologe und Meteorologe an der Universität Innsbruck, war als einziger Forscher aus Österreich als „leading author“ an der Erstellung des Berichts maßgeblich beteiligt.
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CHiLLi: Wenn man sich den nun veröffentlichten ersten Teil des Berichtes durchliest, bekommt man das Gefühl: Es schaut schlecht aus.
Georg Kaser: Ja, stimmt. Aus wissenschaftlicher Sicht schaut es aber gut aus. Wir haben nämlich das erste Mal Befunde, die keine Zweifel mehr zulassen, dass der Mensch für die derzeitigen Klimaänderungen verantwortlich ist. Niemand kann mehr Herumdrehen und sagen: „Ja, vielleicht gibt es doch noch Zweifel und wir tun einmal so weiter als ob nichts wäre“. Das war im Grunde der Status Quo der letzten sechs Jahre. Man weiß nicht viel mehr als vor sechs Jahren (bei der Veröffentlichung des IPCC 3, Anmerkung der Redaktion), aber der Hinweis auf die Ursachen ist nun so hart, dass auch die größten Skeptiker nicht mehr darum herumkommen.
CHiLLi: War es nicht bisher so, dass nicht an der Klimaveränderung gezweifelt wurde, sondern darüber, ob der Mensch verantwortlich ist?
Georg Kaser: Ja, ganz genau.
CHiLLi: Warum wusste man das vor sechs Jahren nicht?
Georg Kaser: Die Möglichkeit dieser Zuordnung von Ursache und Wirkung kommt durch zwei Dinge zustande. Einmal aus den Befunden die natürlich härter wurden, weil man jetzt längere Zeitreihen hat. Wenn man davon ausgeht, dass die globale Erwärmung erst nach 1970 richtig angefangen hat, dann sind sechs Jahre zusätzlich sehr viel. Durch die verbesserte Satellitentechnologie bekam man nun auch global fast flächendeckende Informationen. Das letzte Mal gab es noch zu viele Lücken.
Zweitens hatte man nun auch längere Zeitreihen über die potentiellen Verursacher, das sind die Treibhausgase. Man hat weiter beobachtet, wie die Konzentration diese Treibhausgase steigen. Das Wichtige, das dabei herausgekommen ist, ist die Bestimmung der vom Mensch verursachten Zunahmen der Treibhausgase in der Atmosphäre. Die natürlichen Schwankungen im Bereich der Einflussnahme auf den Energiehaushalt der Erde liegen um ein Vielfaches unter jenen der vom Menschen verursachten. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese natürlichen Faktoren zum Klimawandel beitragen ist sehr gering, dass es hingegen die vom Menschen produzierten Gasen tun, sehr hoch.
Aus diesen Dingen und entsprechenden Modellstudien ist es gelungen, diese Zuordnung von Ursache und Wirkung mit ganz großer Wahrscheinlichkeit zu machen. Das ist die Kernaussage des Berichts, und das ist das wirklich Neue.
CHiLLi: Für den Laien erklärt: Wie kommt es überhaupt zur Erderwärmung? Welche Vorgänge bewirken sie?
Georg Kaser: Alle drei- und mehratomige Gase sind Treibhausgase. Sie haben die Fähigkeit, Sonnenstrahlen, die wir kurzwellig nennen – das ist im Bereich des Sichtbaren – weitgehend ungehindert durchzulassen, die zurückgesendete langwellige Infrarotstrahlung aber zu absorbieren. Sie wird nicht mehr durchgelassen. Das heißt, es kommt zuerst einmal zu einer Aufwärmung der Atmosphäre in den Höhen, in denen diese Gase sind. Die wichtigsten Treibhausgase sind der Wasserdampf und CO2. Beide kommen auch natürlich vor und sind für uns überlebenswichtig. Ohne sie wäre die Erde so kalt, dass sie nicht belebbar wäre. Die Mitteltemperatur würde bei zirka minus achtzehn Grad liegen. Im Augenblick haben wir fünfzehn Grad.
CHiLLi: Und dieser natürliche Anteil wird vom Menschen aus der Balance gebracht.
Georg Kaser: Genau. Wenn über dieses natürliche Gleichgewicht, das sich über die letzten zehn bis zwanzigtausend Jahre so gehalten hat, jetzt etwas hinzukommt, dann steigt die Konzentration. Als ob ich eine zusätzliche Decke über das Bett lege. Es wird von außen her nicht wärmer, aber es geht weniger hinaus. Innerhalb der zweiten Decke wird es wärmer.
CHiLLi: Das wusste man aber bereits seit längerem, oder?
Georg Kaser: Dass es wärmer wird, haben die Messungen auch vorher schon gezeigt, richtig. Jetzt zeigen sie es ein bisschen deutlicher und sie zeigen auch, dass es schneller geht mit der Erwärmung als in den Achtziger Jahren. Auch dass die CO2 und Methangaskonzentrationen in der Atmosphäre zunehmen, hat man vorher schon gewusst. Dass der Befund jedoch so hart und eindeutig ist, das ist neu. Die Erwärmung betrifft übrigens nicht nur die Lufttemperatur. Achtzig Prozent der hinzukommenden Energie unter der zusätzlichen Decke geht in die Meere, erwärmt diese, und führt dadurch auch zu einer Ausdehnung des Wassers und zum Steigen der Meeresspiegel – circa ein Drittel des Anstieges ist dem zuzuordnen. Zweitens geht ein Teil der Energie in Dynamik der Atmosphäre, in die Veränderung der Zirkulationsmuster. Hier ist es natürlich sehr schwer das zu beweisen, da es sich um Einzelereignisse handelt, die in diesem großen Kontext die verschiedensten Ursachen haben können. Drittens, und das ist das, was in aller Munde ist, in Wahrheit aber nur einen kleinen Teil vom Ganzen darstellt, ist der Temperaturanstieg in der Atmosphäre.
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